Die Art und Weise, wie Donald Trump auf brutale Gewaltverbrechen reagiert, offenbart seinen tiefsitzenden Rassismus. Denn es gibt nur einen Grund, warum sich Trump nicht für den Mörder von Las Vegas interessiert, dafür umso mehr für den Mörder von New York: der zweite trägt einen langen, dunklen Bart.

Am Dienstag raste der 29-jährige Sayfullo Saipov mit einem Pick-up durch eine Promenade in Lower Manhattan, New York, tötete dabei acht Menschen und verletzte elf weitere teils schwer. Unter den Toten waren fünf Touristen aus Argentinien, die wegen eines Klassentreffens in New York waren, eine belgische Touristin und zwei US-Amerikaner. Die New Yorker Polizei spricht vom „tödlichsten Terrorangriff in New York seit dem 11. September 2001“. Saipovs Truck kam schließlich zum Stehen, als er in einen Schulbus voller Kinder mit Behinderung knallte. Mit einem Luftgewehr und einer Paintball-Waffe rannte er anschließend durch die Straßen und wurde schließlich von herbeieilenden Polizisten niedergeschossen. Er liegt im Krankenhaus und wurde angeklagt. Sayfullo Saipov hat als Inhaber einer Green Card eine permanente Aufenthaltsgenehmigung, er stammt ursprünglich aus Usbekistan und wanderte 2010 in die USA aus.

Allāhu akbar? Terroranschlag!

Neben der Polizei sprach auch der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio auf einer Pressekonferenz von einem „besonders feigen Terrorangriff“, was neben arabischen Kritzeleien, die im Pick-up gefunden wurden, wohl in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass Saipov laut Zeugenaussagen wiederholt „Allāhu akbar“ rief, bevor ihn die Polizeikugeln in den Bauch trafen. Allāhu akbar ist Arabisch für „Gott ist groß“ und wird als eine der vielen arabischen Floskeln von religiösen Arabern – Moslems wie Christen – jeden Tag Dutzende Male geäußert. In westlich geprägten Medien wird hingegen der Eindruck erweckt, der Begriff sei vom IS oder Al-Qaida erfunden und wird daher implizit mit Terrorismus gleichgesetzt, so als wäre es analog zum Heil Hitler! der Nazis. Diese Manipulation richtet in den Köpfen der diese Medien konsumierenden Menschen einen derartigen Schaden an, dass die arabische Sprache als solche – die in vielen Begriffen den Wortbestandteil Allah enthält – mit Terror attribuiert wird. Es häufen sich Berichte darüber, dass Personen aus Flugzeugen verwiesen werden einzig aus dem Grund, dass sie Arabisch sprechen.

Allāhu akbar – dieser Begriff verändert im Zusammenhang mit monströsen Gewaltverbrechen alles, das gesamte Framing eines Angriffs richtet sich danach aus, ob der Angreifer diese zwei Worte gebrüllt hat, während er mordete, oder nicht: Wie berichten die Medien? Werden „Terrorexperten“ zur Konsultation ins Studio geladen oder doch eher „Amokexperten“? Wie urteilt die Öffentlichkeit, wie Politiker? Und US-spezifisch: Welche 140 Zeichen haut Trump in seinen Twitter-Account?

Um die Trump’sche Heuchelei in diesem Kontext begreifen zu können, schauen wir uns einige Vorfälle aus 2017 an. Terroranschläge oder nur bedauerliche Tragödien – für Trump eine Frage der Hautfarbe, Religion und Nationalität des Täters.

Heuchelei in sieben Akten

Als nur neun Tage nach Trumps Amtseinführung ein kanadischer Nazi – und Trump-Anhänger – eine Moschee in Quebec angriff und dabei sechs Menschen erschoss, teilte Trump im Telefonat zwar Justin Trudeau sein Beileid mit, blieb öffentlich jedoch stumm.

Kein muslimischer Einwanderer aus Usbekistan, sondern ein Veteran der US-Navy: „Keine Anzeichen für einen Terroranschlag.“

Im Mai tat Richard Rojas – high auf PCP-getränktem Gras – dasselbe wie Sayfullo Saipov am vergangenen Dienstag: Er fuhr auf dem Times Square in New York mit seinem Auto Menschen über den Haufen, tötete dabei eine 18-Jährige und verletzte 22 weitere Personen. Die Reaktion von Trump: Nichts. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio: „Keine Anzeichen für einen Terroranschlag.“ Anders als Saipov war Rojas kein muslimischer Einwanderer aus Usbekistan, sondern ein Veteran der US-Navy.

Im Juni wurden bei einer Van- und Messerattacke in London sieben Menschen von muslimischen Extremisten getötet und Trump erging sich in Twitter-Attacken gegen Londons – ersten muslimischen – Bürgermeister Sadiq Khan. Als nur Tage später ebenfalls in London ein Nazi mit einem Van vor einer Moschee in eine Gruppe Muslime raste, einen von ihnen tötete und elf weitere verletzte, blieb Trump hingegen stumm.

Auch nach einem Bombenanschlag auf eine Moschee in Minnesota im August übte sich Trump in Stillschweigen.

Im Zuge einer Demo aus Nazis und Ku-Klux-Klan-Anhängern im August in Charlottesville, Virginia, fuhr einer der Rechtsextremen mit einem Auto in eine Gruppe linker Gegendemonstranten, tötete dabei eine 32-Jährige und verletzte viele weitere Demonstranten schwer. Trump twitterte (!) der Familie der Getöteten zwar sein Beileid („So sad!“), doch eine Verurteilung der Nazi-Ideologie des Täters brachte Trump nicht über die Lippen, oder die Finger. Vielmehr machte er „beide Seiten“ verantwortlich.

Aus dem 32. Stockwerk des Mandalay Bay Hotels in Las Vegas – in dem übrigens Produktionen wie Hangover, Ocean’s Eleven und Modern Family gedreht wurden – tötete  Stephen Paddock 58 Menschen und verletzte 546 weitere. By Moyan Brenn, Wikimedia Commons, licensed under CC BY 2.0.

Und dann kam Las Vegas: Am 1. Oktober nahm Stephen Paddock mithilfe eines Arsenals aus 23 legal erworbenen Maschinengewehren aus seinem Hotelzimmer ein Country-Festival unter Beschuss und tötete dabei 58 Menschen und verletzte 546 weitere. Trump gab sich staatsmännisch und beschwor die Einigkeit des Landes herauf, weigerte sich jedoch, das Wort Terror in den Mund zu nehmen. Für ihn war es bloß eine „Tragödie“.

Ich denke, das Muster ist klar: Wenn weiße Christen töten, schweigt Trump entweder oder relativiert die Gewalt. Töten Muslime, wettert Trump mit Schaum vorm Mund gegen den Terrorismus.

Das „Tier“ von New York

So auch beim blutigen Angriff vom vergangenen Dienstag in New York. Hier konnte Trump sich in seiner Verurteilung des Täters wieder einmal nicht beherrschen. Er nannte Sayfullo Saipov vor der Presse ein „Tier“, er sei „sehr krank und geistesgestört“. Trump würde ihn am liebsten nach Guantanamo verschiffen. Auch fordert Trump für Saipov die Todesstrafe: „SHOULD GET DEATH PENALTY!“ blökte Trump in All-caps auf Twitter. Ob dem US-Präsidenten das Konzept der Gewaltenteilung mit einer von der Exekutive unabhängigen Justiz ein Begriff ist?

Trump behauptete weiterhin, das Diversity Immigrant Visa-Programm, unter dem Saipov 2010 in die USA einwanderte, sei eine Erfindung der Demokraten. Fake News! Es wurde 1987 überparteilich unter der Republikaner-Ikone Ronald Reagan entwickelt und 1990 von George H. W. Bush unterzeichnet. Trump forderte den US-Kongress auf, das Diversity Immigrant Visa-Programm ersatzlos zu streichen. (Er hatte mit dem Wort „Diversity“ mächtig zu kämpfen, welches er auf der Pressekonferenz mehrfach falsch aussprach – „Vielfalt“ ist ganz offensichtlich ein Konzept, welches Trump nicht nur ideologisch, sondern auch verbal vollkommen fremd zu sein scheint.)

Trump wies außerdem das Heimatschutzministerium an, die „bereits jetzt schon extremen Einreisekontrollen weiter hochzufahren“.

Es gibt nur einen Grund, warum sich Trump nicht für den Mörder von Las Vegas interessiert, dafür umso mehr für den Mörder von New York: der zweite trägt einen langen, dunklen Bart.

Diese letzten Punkte sind mehr als interessant. Denn wenn weiße Christen Anschläge begehen, weist die Trump-Regierung stets darauf hin, die Trauer um die Toten müsse respektiert und dürfe nicht politisch ausgeschlachtet, nicht „politisiert“ werden. So antwortete Trumps Pressesprecherin nach dem Las Vegas-Massaker auf die drängende Frage nach Verschärfung der unverschämt laxen US-Waffengesetze: „Es wird Zeit und Raum für politische Debatten geben, doch jetzt ist die Zeit, uns als Land zu vereinen.“ „Darüber reden wir nicht heute,“ meinte Trump selbst. „Wir werden in der Zukunft über Waffengesetze reden.“ Zwei Tage nach Las Vegas stotterte Trump dann: „Irgendwann wird das kommen, vielleicht. Aber nicht jetzt. Das ist für – zu einem späteren Zeitpunkt.“

Doch wenn einige Wochen später in New York jemand Allāhu akbar brüllt, während er mordet, zählt all das nicht mehr. Nur wenige Stunden vergingen, bis das abscheuliche Verbrechen von Sayfullo Saipov durch Trump „politisiert“ wurde. Während es nach Las Vegas weiterhin undenkbar erscheint, wenigstens die Bump Stock genannten Gadgets zu verbieten, mit deren Hilfe halbautomatische Waffen zum Schnäppchenpreis von nur 150 Dollar in voll funktionsfähige Maschinengewehre verwandelt werden, wollte Trump nur wenige Stunden nach New York bereits Guantanamo aufstocken, Einreisekontrollen verschärfen und ein 30 Jahre altes Einwanderungsgesetz über den Haufen werfen. Trauer um brutal getötete Menschen kann also je nach Bedarf in Würde respektiert oder in Opportunismus ausgeschlachtet werden.

Es ist diese Scheinheiligkeit von Donald Trump, die seinen tief verankerten Rassismus zutage fördert. Denn es gibt nur einen Grund, warum sich Trump nicht für den Mörder von Las Vegas interessiert, dafür umso mehr für den Mörder von New York: der zweite trägt einen langen, dunklen Bart.



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Das Titelbild zeigt den geschrotteten Pick-up, mit dem Sayfullo Saipov seine mörderische Fahrt durch Manhattan unternahm. By Gh9449, Wikimedia Commons, licensed under CC BY-SA 4.0 (edited).

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