Translated by Jakob Reimann from JusticeNow! with permission from The Intercept.

By Glenn Greenwald


In den späten 1990er Jahren sprengte Eric Rudolph – der streng katholisch erzogen wurde und für einige Zeit Mitglied einer Christian Identity-Sekte war – mehrere Abtreibungskliniken und eine Gay Bar in die Luft. Er war überzeugt, dass dies Orte der Unmoral seien, zutiefst böse. Im vergangenen Juli ging ein jüdisch-orthodoxer Israeli mit einem Messer auf die Partygänger der LGBT Pride Parade in Jerusalem los und verletzte dabei sechs Menschen, eine von ihnen, eine Teenagerin, erlag ihren Verletzungen. Der Angreifer rechtfertigte sein Handeln mit den Strafen für Homosexualität, wie sie im Talmud geschrieben stehen. Erst kurz zuvor war er aus einer 10-jährigen Haftstrafe entlassen worden, die er für exakt dasselbe Verbrechen im Jahr 2005 verbüßt hatte. Gestern hat Steven Anderson – ein christlicher Pastor aus Arizona – das Massaker an 49 Menschen in einem LGBT-Club in Orlando gefeiert, da „Homosexuelle ein Haufen widerliche Perverse“ und „Pädophile“ sind.

Pic by David dos Dantos, licensed under CC BY 3.0 (edited).

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Wie der Soziologieprofessor Greggor Mattson heute dokumentiert hat, sind brutale Angriffe auf Gay Bars in den USA seit Langem weit verbreitet: „Die Verbrechensaufzeichnungen in der Homosexuellenpresse waren schon immer durchsetzt mit Angriffen auf Gay Bars, und sind es auch heute noch,“ darunter immer wieder auch Morde. 2014 wurde ein schwules Pärchen Opfer eines brutalen Hassverbrechens, begangen von Mitarbeitern und Studenten einer katholischen High School in Philadelphia. Im überwiegend katholischen und evangelischen Brasilien hat sich das Töten von transsexuellen Frauen mittlerweile zu einer regelrechten Epidemie ausgewachsen. Das Theaterstück Corpus Christi von Terrence McNally war in den USA wiederholten Bombendrohungen ausgesetzt und musste schließlich gecancelt werden – Jesus wurde in dem Spiel als Homosexueller dargestellt.

Eine Umfrage des Pew Research Center von 2015 ergab, dass in den USA die Akzeptanz von Homosexualität unter Muslimen stärker ausgeprägt ist als unter evangelikalen Christen, Mormonen und den Zeugen Jehovas:

Data: Pew Research Center.


In vergleichbarer Weise befürworten Muslime in den USA eher die gleichgeschlechtliche Ehe (42 Prozent) als die Evangelikalen (28 Prozent), die historisch afroamerikanischen Protestanten* (40 Prozent), die Mormonen (26 Prozent) und die Zeugen Jehovas (14 Prozent). Tatsächlich befürworten US-Muslime in etwa genauso sehr die gleichgeschlechtliche Ehe wie Christen im Allgemeinen (44 Prozent). [*Der Begriff „historically black Protestant“ ist im Englischen eine feststehende Bezeichnung, Anm. J.R.]

Data: Pew Research Center.

Sowohl China als auch Russland sind überwiegend nicht-religiöse Gesellschaften und dennoch zutiefst homophob; die Russen, die religiös sind, gehören der christlich-orthodoxen Kirche an. In Kamerun ergehen sich hohe Vertreter der katholischen Kirche in abscheulichster homophober Hetze. Ein prominenter evangelikaler brasilianischer Pfarrer – der Multimillionär und Kongressabgeordnete Marco Feliciano, der eine lange Liste abscheulicher homophober Hetze auf dem Konto hat – attackierte gestern die LGBT-Community, da diese das Massaker von Orlando zur „Selbstdarstellung ausnutzen“ würde, und sagte stattdessen, dass die Unterstützung für die Palästinenser schuld sei.

Data: Pew Research Center.

In den letzten Jahren haben sich christliche Fanatiker in den USA mit Aktivismus und Geld – oft mit Erfolg – für die Einführung äußerst repressiver anti-LGBT Gesetze im christlichen Afrika stark gemacht. Dazu gehört zum Beispiel Uganda, wo sie versuchten, die Todesstrafe für Homosexuelle einzuführen. Das Gesetz, das schließlich verabschiedet wurde und Homosexualität unter Strafe stellt, hat zu einem dramatischen Anstieg brutaler Angriffe gegen LGBTs geführt.

Nichts von alledem soll auch nur im Geringsten leugnen,  dass tiefgreifende anti-LGBT-Einstellungen in Teilen der muslimischen Welt weit verbreitet sind: in den meisten Ländern (doch nicht in allen) liegt die Akzeptanz im einstelligen Bereich. Doch dasselbe gilt für die genauso armen Teile der christlichen Welt, wo nur kleinste Teile der Bevölkerung in überwiegend christlichen Ländern wie Ghana, Uganda und Kenia der Meinung sind, die Gesellschaft solle Homosexualität tolerieren. In anderen Ländern, die nicht mehrheitlich muslimisch sind – China, Russland, Nigeria, El Salvador, Israel – lehnt die Bevölkerungsmehrheit in ähnlicher Weise die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität ab.

Es ist ebenso wahr, dass Teile der islamischen Glaubenslehre in Bezug auf LGBTs und Frauen die widerlichsten Ansichten enthalten. Doch wieder gilt genau dasselbe sowohl für die christliche Bibel, als auch den jüdischen Talmud. Wenn es um Juden und Christen geht, verstehen die Menschen instinktiv, wie bigott und heuchlerisch es ist, die besonders abstoßenden Verse ihrer heiligen Bücher herauszupicken und sie zu nutzen, um alle Christen und Juden in der Gegenwart gleichermaßen zu verunglimpfen.

Diejenigen, die den Islam am vehementesten verteufeln, sind die, die die wenigsten Muslime kennen.

Es ist in der Tat eine Standardtaktik von Neonazis und anderen Antisemiten, die hässlichsten Verse aus dem Talmud zu zitieren – darunter solche, die es angeblich gutheißen, wenn Juden Nichtjuden als Sklaven halten oder diese belügen und bestehlen – und diese als Beweis für die Verlogenheit und die Unzuverlässigkeit der Juden im Allgemeinen zu missbrauchen. Wir alle wissen, dass diese Taktik niederträchtig, unwissenschaftlich und anti-intellektuell ist, gerade weil moderne Anhänger dieser Religionen die Verse auf alle möglichen Weisen interpretieren und anwenden (oder ignorieren).

Das gleiche gilt selbstredend für die Muslime. Doch hier gibt es eine ganze Industrie pseudo-intellektueller Scharlatane – darunter auch solche, die sogar offen zugeben, den Koran noch nie gelesen zu haben – die genau diese schäbige Taktik verwenden, um den gesamten Islam zu dämonisieren (schaut Euch dieses soziale Experiment an, in dem Menschen grässliche Bibel-Passagen vorgelesen werden und fälschlicherweise gesagt wird, sie stammten aus dem Koran). Es gibt buchstäblich Abermillionen von Muslimen, die positive Ansichten gegenüber homosexuellen Menschen haben und ganz normale, positive Beziehungen zu ihnen pflegen (weshalb es fast immer der Fall ist, dass diejenigen, die den Islam am vehementesten verteufeln, auch diejenigen sind, die die wenigsten Muslime kennen (dasselbe gilt ironischerweise auch für LGBT people)).

Natürlich gibt es LGBT-Muslime auf der ganzen Welt, die – wie alle anderen LGBTs auch – darum kämpfen, ihre persönliche Identität gegenüber ihren religiösen Überzeugungen zu behaupten und dabei durch verschiedenste persönliche Konflikte navigieren müssen. Wie der Vorsitzende der größten amerikanischen muslimischen Organisation, CAIR, gestern sagte: „Seit vielen Jahren stehen die Mitglieder der LGBT-Community Schulter an Schulter mit der muslimischen Gemeinschaft – im Kampf gegen Hassverbrechen, Islamophobie, Ausgrenzung und Diskriminierung. Heute stehen wir mit ihnen Schulter an Schulter.“ Muslime, die daran arbeiten, den Islam für LGBTs zu öffnen, verdienen unseren größten Support. Doch diejenigen, die am verbissensten versuchen, den Islam zu verteufeln – aus unterschiedlichster nationalistischer oder religiöser Motivation heraus – blenden diese Menschen in aller Regel aus, denn deren bloße Existenz zeigt auf, wie fehlgeleitet ihr absolutistisches Bild von „den Muslimen“ doch ist.

Trotz all dieser Daten haben die üblichen Verdächtigen der hasserfüllten Polemiker – die es sich anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht haben, jede Schlagzeile zum Angriff auf den Islam auszuschlachten – gestern keine Zeit vergeudet, das entsetzliche Massaker in Orlando zu missbrauchen, um Muslime insgesamt als LGBT-Hasser darzustellen, noch bevor irgendwelche Fakten bekannt waren, und während die Leichen buchstäblich noch im Pulse Club in Orlando lagen. Es spielt offensichtlich keine Rolle, dass der Tatverdächtige Omar Mateen keine Anzeichen für religiösen Fanatismus zeigte, (laut zahlreicher persönlicher Quellen) an einer psychischen Erkrankung litt, eine persönliche Vorgeschichte von Gewalt gegen Frauen hatte, für eine große Verteidigungs-/Söldnerfirma arbeitete, bis zu seinem Polizeinotruf, bei dem er sich auf den IS bezog, keine bekannte Verbindung zu extremistischen Gruppen hatte, und vom Beitritt in die New Yorker Polizei besessen war [und, wie sich herausstellte, selbst homosexuell und sogar Stammkunde des Pulse Club war, Anm. J.R.].

Anti-LGBT-Hass als exklusive Zuständigkeit des Islam darzustellen, ist nicht nur islamophob, sondern auch ein Schlag ins Gesicht von Millionen LGBTs.

Die Gelegenheit, das Leid der LGBTs auszuschlachten, um damit die standardmäßige islamophobe Hetze zu entfachen, war offensichtlich viel zu attraktiv, um ihr zu widerstehen – egal, wie viele Fakten sie auch negieren. Versucht einmal, LGBT-Menschen, die in Nordamerika aufgewachsen sind, oder in Südamerika, oder in Europa, zu erzählen, dass Hass auf Homosexuelle ein exklusives Merkmal des Islam ist, und Ihr werdet schärfsten Widerspruch ernten – basierend auf selbst erlebter Erfahrung, nicht auf hasserfüllter Ideologie.

Die sofortige Ausbeutung des Angriffs in Orlando reiht sich ein in den allgemeinen Trend, liberale und soziale Fragen zu instrumentalisieren, um so eine  Agenda des Militarismus und aggressiver Außenpolitik zu glorifizieren. Strahlt einfach die GCHQ-Zentrale oder das Rathaus in Tel Aviv mit den Regenbogen-Farben der LGBT-Community an und plötzlich erscheinen Massenüberwachung und jahrzehntelange militärische Besatzung ziemlich freundlich und liberal. Wählt militaristische US-Präsidenten, die soziale Meilensteine der Gender- und Bürgerrechtsbewegungen repräsentieren und urplötzlich scheint ihr Militarismus ganz passabel oder gar inspirierend. Behauptet, dass im Afghanistan-Krieg um Frauenrechte gekämpft wird, oder dass die Aggression gegenüber dem Iran dem Schutze der LGBT-Community dient, und beobachtet, wie die Liberalen instant in Dankbarkeit dahinschmelzen. Verkleidet antimuslimische Feindseligkeiten als pro-LGBT-Aktivismus, und im Handumdrehen frisst sich die Befürwortung der neokonservativen Agenda in große Bereiche des westlichen Liberalismus hinein.

Anti-LGBT-Hass als exklusive Zuständigkeit des Islam darzustellen, ist nicht nur diffamierend gegenüber Muslimen, sondern ist auch ein Schlag ins Gesicht von Millionen von LGBTs, die ohnehin massivst unterdrückt und tagtäglich von Menschen angegriffen werden, die rein gar nichts mit dem Islam zu tun haben. Der weltweite Kampf der LGBT-Community ist bereits kräftezehrend genug, auch ohne ihre Mitglieder als eine zynische Art von Freilos zum Einschlagen auf eine Gruppe zu instrumentalisieren, auf die ohnehin schon aus unzähligen Richtungen eingeschlagen wird.


Translated by Jakob Reimann from JusticeNow! with permission from The Intercept

Title image by Peter O’Connor aka anemoneprojectors, licensed under CC BY-SA 2.0 (edited).




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