Eine Einteilung der Welt in Gut und Böse zur Erklärung von Unmenschlichkeit funktioniert nicht. Dieses Zurückgreifen auf einen dichotomen Mystizismus lässt uns auf Ewig in alten Feindbildern verharren. In der globalen Konfliktbewältigung benötigen wir einen neuen faktenbasierten und pazifistischen Rationalismus.

„Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners!“

Der Philosoph Heinz von Förster plädiert für eine Abkehr von einem der wesentlichen Begriffe menschlichen Zusammenlebens – der Wahrheit. Für ihn sind Dichotomien wie wahr und unwahr, richtig und falsch, gut und böse kontraproduktiv, um menschliche Konflikte anzugehen. Das gilt im Kleinen wie im Großen.

„Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner.“

Wenn ich meinen Standpunkt als der Wahrheit entsprechend ansehe, bescheinige ich meinem Gegenüber zwangsläufig Irrationalität. Wenn meine Meinung richtig ist, muss jede andere falsch sein. Von Förster schreibt weiter:

„Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde.“

Wir neigen dazu, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Das Gute muss final über das Böse siegen, um die perfekte Welt zu schaffen. In diesem Kampf stehen wir selber definitionsgemäß auf der Seite des Guten.

Das ist eine naive, ja geradezu infantile Wahrnehmung der Realität. Wir belügen uns permanent selbst. Wir reproduzieren diese Lüge jeden Tag aufs Neue, weil wir sie tief in unserem Innern doch so gerne glauben wollen. Sie gibt uns Halt und Sicherheit, ist unser Kompass. Am Ende glauben wir an diesen Kampf Gut gegen Böse.

Und es ist eben diese Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde.

Terrorist! – Auf den richtigen (falschen?) Standpunkt kommt es an.

Seit George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September im Jahre 2001 den „Krieg gegen den Terror“ ausrief, wurde der Begriff des Terrorismus omnipräsent im globalen politischen Diskurs. Auf kaum einem anderen Gebiet zeigt sich die widersinnige Anwendung der Gut und Böse-Dichotomie derart offensichtlich wie auf dem des Terrorismus.

Terroristen sind per Definition böse. Die 19 saudi-arabischen al-Qaida Terroristen verübten die Anschläge vom 11. September, weil sie den freiheitlich-demokratischen Wertekanon der westlichen Welt hassen und zur Artikulation ihres Hasses keine anderen Mittel als die größtmögliche Zerstörung von Eigentum und den Mord an einer größtmöglichen Zahl von Zivilisten kennen – so die etablierte, eindimensionale Motivanalyse des Verbrechens.

Terroristen sehen sich in aller Regel selbst nicht als Terroristen – ihr Kampf ist aus ihrer Selbstwahrnehmung heraus der eines Freiheitskampfes; und damit eine beliebte Variation von Gut gegen Böse. Ein Beispiel:

Erst durch die Erhöhung zum Terroristen wird aus dem Mörder genau das, was er begehrt: etwas Größeres.

Die türkische Regierung sieht in kurdischen Sezessions-Bestrebungen ihre territoriale Integrität gefährdet und stuft die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) aus ihrer Sicht folgerichtig als Terrororganisation ein. Ihre unnachgiebigen Luftangriffe auf PKK-Kämpfer sind in diesem Narrativ Akte der Selbstverteidigung. Aus kurdischer Sicht sind die Angriffe gegen die unterdrückte kurdische Bevölkerung hingegen Staatsterrorismus und der Widerstand der PKK die legitime Wahrnehmung des Rechts auf Selbstbestimmung, Freiheitskampf.

Der Begriff des Terrorismus sollte in Gänze aus dem politischen Lexikon verschwinden – und aus den Strafgesetzbüchern auch. Ein „Terrorist“ gehört wie jeder andere Verbrecher verurteilt und inhaftiert. Erst durch diese rhetorische Erhöhung wird aus ihm genau das, was er so sehr begehrt: etwas Größeres.

Richard Reeve Baxter, ehemaliger Richter am Internationalen Gerichtshof, meint dazu:

„Wir haben Grund zu bedauern, dass uns ein juristischer Begriff des Terrorismus jemals auferlegt wurde. Der Begriff ist unpräzise; er ist mehrdeutig; und vor allem dient er keinem entscheidenden juristischen Zweck.“

Er ist zu einer inhaltsleeren Worthülse verkommen, die nurmehr zur Bekämpfung des politischen Gegners verwendet wird (in Saudi-Arabien wurde jüngst Atheismus zum Terrorismus erklärt). Er ist weder ein militärischer Terminus, noch beschreibt er tatsächliche Gegebenheiten nach kriminalistischen Definitionen, sondern wird das Label ausschließlich zur Verfolgung einer politischen Agenda verliehen.

Frei nach George Bushs Credo „Either you are with us or you are with the terrorists.“ funktioniert der Begriff nach dem Schema: Gruppen, die gegen uns kämpfen, sind Terroristen, solche die für uns sind, sind Freiheitskämpfer. Oder wie aktuell in Syrien: gemäßigte Oppositionelle.

Und wenn Hunderte Kämpfer dieser vom Westen unterstützten gemäßigten syrischen Opposition zur al-Qaida-nahen Nusra-Front und zum IS überlaufen, wurden aus ehemals Guten über Nacht Böse. Erhielten sie gestern noch großzügige Waffenlieferungen, sind sie heute zum Abschuss frei gegeben, obwohl es selbstredend dieselben Menschen mit demselben ideologischen Mindset sind.

US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski trifft sich 1981 mit Osama bin Laden in Pakistan. By Boris Lu licensed under CC BY 2.0

US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski trifft sich 1981 mit Osama bin Laden in Pakistan. By Boris Lu licensed under CC BY 2.0

Ein Fakt, der in der nicht-westlichen Welt quasi zum Allgemeinwissen gehört, im Westen jedoch kaum bis gar nicht bekannt ist: al-Qaida ist eine Kreation der CIA. Als klassischer Proxy im Kampf gegen die Sowjetunion Anfang der 80er Jahre wurde die Truppe um Osama bin Laden massivst unterstützt – Finanzierung, Logistik, Rekrutierung in der muslimischen Welt und allen voran Waffenlieferungen.

Zbigniew Brzezinski, Mastermind der so genannten Operation Cyclone, prahlt gar mit seiner Unterstützung der al-Qaida-Kämpfer, auch Hillary Clinton bestätigt die fatale Rolle der USA. Einige Jahre nach der sowjetischen Niederlage richtet sich die Schöpfung gegen ihren Schöpfer und aus dem Freiheitskämpfer Osama bin Laden wird der meistgesuchte Terrorist des Planeten (der nebenbei bemerkt wegen nicht vorhandener Beweise nie vom FBI der Anschläge vom 11. September beschuldigt wurde).

Die Absurdität in der Vergabe des Terrorismuslabels verdeutlicht eine Anekdote, geschehen in Jerusalem während der jüngsten Welle israelisch-palästinensischer Gewalt: zwei israelische Sicherheitskräfte erschossen einen Palästinenser, als dieser versuchte, nach ihren Waffen zu greifen. In den Medien war die Rede von einem „arabischen Terroristen“, der Abtransport der Leiche fand in einem schwarzen Leichensack statt (was den Status als Terrorist kennzeichnet).

Einer der Rettungskräfte fand dann jedoch heraus, dass es sich beim arabischen Terroristen „in Wahrheit“ um einen jüdischen Israeli handelte und tauschte umgehend den schwarzen durch einen weißen Leichensack aus. Der Terrorismusvorwurf wurde posthum fallen gelassen.

Die ganze Verlogenheit des Konstrukts Terrorismus muss entlarvt und seine Funktion als politische Waffe dekonstruiert werden. Glenn Greenwald beschreibt das westliche Konzept des Terrorismus als von rassistischen, anti-muslimischen Ressentiments und politischem Kalkül getrieben und urteilt, der Begriff des Terrorismus sei „das bedeutungsloseste und zugleich meist manipulierte Wort im amerikanischen Politiklexikon.“

USA – die Wurzel allen Übels?

Die USA gebärden sich als die Speerspitze der globalen Terroristenjäger, als Front des Guten. Ein kurzer Blick hinter die Kulissen und das Wahrnehmen der historischen Fakten zeigen jedoch, dass die USA weit entfernt sind, „das Gute“ zu sein.

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Genau so wenig sind sie aber „das Böse“, was in der antiimperialistischen Linken (zu der ich mich zähle) gerne so dargestellt wird. Auf unzähligen Gebieten hat die USA der Welt unschätzbar Wertvolles gebracht.

Technologie und Wissenschaft stünden ohne die USA nicht da, wo sie heute stehen. Harvard, Yale, MIT & Co. haben Meilensteine auf sämtlichen Forschungsgebieten hervorgebracht. Das Land hat die Welt auf kultureller Ebene enorm bereichert. Einige der einflussreichsten Intellektuellen und Friedensaktivisten kommen aus den Staaten.

Was wäre die Welt ohne das Wirken von Martin Luther King, Noam Chomsky oder Amy Goodman?

Die Schwarz-Weiß-Malerei muss zuallererst im eigenen Denken abgelegt werden.

Ganz im Gegensatz zur in unseren Köpfen weit verbreiteten Karikatur vom burgerfressenden und sich in Patriotismus suhlenden Yankee gibt es in den USA eine aktive, lebendige Demokratie: die lokalen Gemeinden, die Bürgerrechtsaktivisten, die Graswurzelbewegungen, die gegen den Ausverkauf ihrer Grundwasserquellen an Konzerne kämpfen, sich gegen Fracking stark machen, die zu Tausenden auf die Straße gehen, um gegen illegale NATO-Kriege zu demonstrieren.

Der Battle of Seattle im Jahre 1999, bei dem 75,000 Menschen gegen die WTO-Ministerkonferenz demonstrierten, wird gemeinhin als Geburtsstunde der weltweiten globalisierungskritischen Bewegung angesehen.

All das sind unschätzbar wertvolle Errungenschaften.

Die USA sind kein böses Land (genau so wenig wie Iran, Nordkorea oder Somalia böse Länder sind). Kritik am US-Imperialismus darf daher nie in blinden Hass auf die USA umschlagen. Stumpfer Antiamerikanismus führt zu rein gar nichts. Er vernebelt nur die eigene Sicht, denn er versäumt, das immense Potential der USA auf dem Weg zu einer besseren Welt anzuerkennen.

Die Schwarz-Weiß-Malerei, die es einem so überaus leicht macht, sie anderen vorzuwerfen, muss zuallererst im eigenen Denken abgelegt werden. Wir müssen unsere Weltbilder hin und wieder auf den Kopf stellen.

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„Wer nicht willens ist, die eigenen Ansichten permanent auf den Prüfstand zu stellen,
kann nie Lösung sein, sondern bleibt stets Teil des Problems.“

Der anarchistische Diktator

Muammar al-Gaddafi war ein Menschenschlächter, brutaler Kopf eines ebenso brutalen Polizeistaats, ein Folterknecht, seine Taktik des „Verschwindenlassens“ von Andersdenkenden erinnerte an Pinochets Chile der 1970er Jahre, er führte Krieg gegen seine eigene Bevölkerung – so in etwa ging das Narrativ, das die westlichen Nachrichtenkanäle in den Wochen und Monaten vor seiner Ermordung 2011 unablässig verbreiteten.

Der Harvard-Gelehrte Garikai Chengu vertritt ein anderes Narrativ: Gaddafi hat in Libyen eine Form direkter Demokratie eingeführt, die im Ausmaß ihrer Dezentralität und der Mitbestimmungsrechte der libyschen Bürger bemerkenswert ist und deren Entscheidungsfindungsstrukturen in einigen Zügen fast an die Zapatistas in Mexiko erinnert.

Gaddafi hat diese Form direkter Demokratie konsequent zu Ende gedacht und äußerte den Plan, mittelfristig die libysche Zentralregierung in Gänze abzuschaffen und die Staatsmacht vollends an die lokalen Komitees abzugeben. Die Ambivalenz der Person Gaddafi nimmt in diesem Plan grotesk-paradoxe, ja, fast schizophrene Züge an: der brutale Diktator eines Polizeistaats will quasi-anarchistische Organisationsstrukturen einführen.

Chengu beschreibt die mehr als 42-jährige Diktatur Gaddafis weiter wie folgt: „1967 übernahm Colonel Gaddafi eine der ärmsten Nationen in Afrika. […] In der Zeit bis zu seiner Ermordung transformierte er Libyen in die reichste Nation des Kontinents. […] 2011 hatte Libyen den höchsten Human Development Index, die niedrigste Säuglingssterblichkeitsrate und die höchste Lebenserwartung in ganz Afrika.“

Weitere bemerkenswerte Erfolge wurden auf Gebieten der Bildung, Grundversorgung, Landwirtschaft und sozialer Sicherung erreicht. Gaddafi plante, die immensen Erlöse aus den Ölverkäufen direkt an die libysche Bevölkerung auszuzahlen.

Äußerst ambivalente Figur der Weltgeschichte: Muammar al-Gaddafi. Published under public domain

All diese positiven Entwicklungen fanden wenig bis gar keine Beachtung in der westlichen Medienwelt. Entscheidend war, dass Libyen einen zuverlässigen Öl-Lieferanten für den europäischen Markt darstellte.

Der Diktator Gaddafi war ein gern gesehener Gast im Westen und schlug in den Hauptstädten dieser Welt – im wahrsten Sinne des Wortes – seine Zelte auf. Über Menschenrechtsverletzungen des Colonels in Libyen war man gewillt hinwegzusehen.

2007 traf sich Gaddafi mit Nicolas Sarkozy in Paris. Nachdem der französische Präsident sein obligatorisches mahnendes Lippenbekenntnis zu den Menschenrechten in Libyen abgegeben hat, unterzeichneten beide Staatsführer einen „großzügigen“ Nuklear- und Rüstungsdeal.

Doch Gaddafi war nicht wie so viele andere Diktatoren die ölliefernde Marionette, als die ihn der Westen gerne gehabt hätte.

Gaddafi hatte immer auch eine Vision der Zukunft, er war ein aufrichtiger Verfechter eines Pan-Afrikanismus. In einem für ihn typischen Akt des Größenwahns ließ er sich 2008 von 200 afrikanischen Königen und Stammesführern zum „König der Könige“ ausrufen und verkündete: „Wir wollen ein afrikanisches Militär zur Verteidigung Afrikas, wir wollen eine gemeinsame afrikanische Währung, wir wollen einen afrikanischen Pass.“

Eine Emanzipierung von alten Kolonialisten in neuen Gewändern und die Einigung des afrikanischen Kontinents – wirtschaftlich, politisch und kulturell – waren Gaddafis Vorstellungen eines selbstbewussten Afrikas. Neben der goldgedeckten gesamtafrikanischen Währung stand eine panafrikanische Alternative zum Internationalen Währungsfonds auf seiner Agenda – beides äußerst wirkungsvolle finanzpolitische Instrumente, um auf lange Sicht den gesamten Kontinent aus der neokolonalistischen Ausbeutungsarchitektur herauszulösen.

Als „König der Könige“ und neuer Kopf der Afrikanischen Union hatte Gaddafi die nötigen Befugnisse zur Umsetzung seiner Pläne. Für die USA und Frankreich Grund genug, die Unruhen des Arabischen Frühlings auszunutzen, um die vom UN-Sicherheitsrat mandatierte Flugverbotszone über Libyen in einen weiteren Regime Change umzumünzen, der sich in die Liste der illegalen NATO-Kriege einreiht.

Hillary Clinton – freudig erregt – verkündet martialisch: „We came, we saw, he died.“

Der Sturz Gaddafis hat Libyen ins Chaos gestürzt. Aus einer relativ stabilen, entwickelten und wohlhabenden Nation wurde in kürzester Zeit ein Failed State. Ein blutiger Bürgerkrieg geißelt das Land, der ganz Westafrika destabilisiert, insbesondere Mali. Libyen mutiert immer weiter zum neuen Kerngebiet des Islamischen Staats.

Ich will hier selbstredend nicht die Verbrechen Gaddafis relativieren, sondern verdeutlichen, dass die Welt nun mal nicht so schwarzweißmalerisch einfach ist, wie sie uns westliche Politiker – die Guten – gerne versuchen zu verkaufen. Die Akzeptanz gegenüber einem Diktator steht in keiner Verbindung zu seinen tatsächlichen Taten, sondern lediglich zum Maß seiner Unterwürfigkeit und Kooperationsbereitschaft uns gegenüber. Die Jagd der Guten auf den bösen Mann endet in aller Regel im Chaos und im Elend der Bevölkerung.

Das Hitler-Label

Auch Iraks Saddam Hussein war jahrelang ein nützlicher Partner des Westens, ein Guter, dessen Massenmord durch Giftgas an Hunderttausenden Iranern und Kurden gar von der CIA logistisch unterstützt und das tödliche Sarin in deutschen und französischen Anlagen produziert wurde. Erst als er entschied, irakisches Öl nicht mehr in US-Dollar, sondern in Euro zu verkaufen, unterschrieb Saddam sein Todesurteil.

Déjà-vu: genau wie später in Libyen 2011 wurde der Irak 2003 durch einen illegalen NATO-Krieg von einem Land relativer Stabilität in ein Sammelbecken des Terrorismus und Schlachtfeld eines permanenten Krieges verwandelt.

Castro, Ortega, Chavez, Milošević, bin Laden, Saddam, Ahmadinedschad, Gaddafi, Assad, jüngst Putin – die Liste ist lang. Ein missliebiger Politiker wird zur Inkarnation des Bösen erklärt – zum neuen Hitler hochstilisiert – um so eine aggressive Politik zu rechtfertigen, die final oft im Regime Change endet.

Klaus von Dohnanyi schreibt:

„Hitler war eine Katastrophe, aber keine Naturkatastrophe.“

Der Kern dieses Satzes sollte genau verstanden werden. Auch – oder gerade? – bei den größten Verbrechern der Menschheitsgeschichte dürfen wir kein auf unerklärliche Art und Weise, irgendwie naturgegebenes Böses als Erklärungsmuster gelten lassen.

Krieg ist ein nutzloses Werkzeug zur Schaffung eines nachhaltigen Friedens.

Wer zur Erklärung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf einen irrationalen Mystizismus, auf ein diffuses Gut-Böse-Schema zurückgreift, macht sich selbst blind für die tatsächliche Ursachenanalyse und ebnet dabei aus reiner Engstirnigkeit heraus den Weg für neue Menschheitsverbrechen. Denn das schiere Böse ist bestimmten Menschen nun mal eigen – nicht wahr? – daher müssen wir uns wohl oder übel auch mit einer unvorstellbaren Bandbreite an Grausamkeiten abfinden, da diese den Menschen wohl ebenso eigen sind.

Ich kann dieser Sicht auf die Dinge nichts abgewinnen. Die Welt funktioniert nicht nach einer Einteilung in Schwarz und Weiß. Wir alle befinden uns irgendwo zwischen diesen beiden Extremen und bewegen uns ein Leben lang in einem dynamischen Hin und Her unendlicher Facetten. Ein Angelangen an das eine wie das andere Ende des Spektrums ist weder möglich noch sonderlich erstrebenswert.

Wenn wir diesen Denkmustern weiterhin anhängen – dieser Einteilung der Welt in Gut und Böse –, belügen wir uns permanent selbst. Wir verharren auf Ewig in alten, verkrusteten Feindbildern und schaffen uns permanent neue. Wir negieren per Definition ein friedliches Zusammenleben aller Menschen – eine wenig sympathische Aussicht auf die Zukunft.

© Pawel Kuzcynski

In unserem persönlichen Sortieren der Weltgeschehnisse, ebenso wie auf der internationalen politischen Bühne müssen wir daher weg von diesen destruktiven Feindbildern – und hin zu einer konstruktiven Lösungsorientierung.

Ich plädiere in der globalen Konfliktbewältigung für einen neuen Rationalismus: einen faktenbasierten, von allzu sehr ideologischem Ballast befreiten, kriegspropagandaresistenten und vor allem pazifistischen Rationalismus. Militärische Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung muss kategorisch ausgeschlossen werden, denn Krieg ist schlicht ein nutzloses Werkzeug zur Schaffung eines nachhaltigen Friedens.

Krieg funktioniert nur mit einer Einteilung der Welt in Gut und Böse.

Doch Gut und Böse gibt es nicht.