Syrien ist fast aus den Nachrichten verschwunden, der Krieg allerdings ist noch lange nicht am Ende. Wir haben mit Joseph Daher von der Revolutionären Linken Strömung in Syrien über die Situation vor Ort, den Kampf gegen Daesh (IS) und die Perspektiven für Syrien gesprochen.

Das Interview wurde geführt von Jakob Reimann (JusticeNow!) und Julius Jamal (Die Freiheitsliebe). Teil 2 erscheint am Donnerstag in einer Woche, 30. Juni.

Die Freiheitsliebe/JusticeNow!: Joseph, am 27.2. beschlossen internationale Vertreter einen Waffenstillstand für Syrien. Vor einigen Tagen wurde auch die Kriegsregion Aleppo in den Waffenstillstand einbezogen. Was denkst Du über den gegenwärtigen Friedensprozess?

Joseph Daher: Er ist in einer Sackgasse. Die Verhandlungen zwischen dem Assad-Regime und der syrischen Opposition waren auch Ende Mai noch ausgesetzt, obwohl Repräsentanten Russlands und der USA Mitte Mai versichert hatten, ihre Bemühungen zu verdoppeln, eine politische Lösung des Syrienkonfliktes zu erreichen und das gesamte Land in die Waffenruhe mit einzubeziehen. bio-DaherNicht einmal ein Datum für indirekte Gespräche in Genf zwischen der Regierung und der Opposition wurde festgesetzt. Drei Runden indirekter Gespräche haben seit Anfang des Jahres stattgefunden – ohne Ergebnisse. Die letzte Runde im April wurde nach dem Wiederaufleben der Kampfhandlungen in Aleppo auf Eis gelegt.

Die Welle der Gewalt wütete in Aleppo vom 22. April bis 5. Mai und forderte insgesamt 300 Tote, hauptsächlich Zivilisten in den von der Opposition kontrollierten Gebieten, die sich aus zivilen demokratischen Kräften, FSA-Gruppen [Freie Syrische Armee, Anm. J.R.] und islamistisch orientierten Brigaden zusammensetzt. Daesh, auch ISIS genannt, die Al-Nusra-Front und andere dschihadistisch-salafistische Kräfte sind ohnehin vom Waffenstillstand ausgenommen. Einige Zivilisten in von der Regierung kontrollierten Gebieten wurden auch angegriffen. Der temporäre Waffenstillstand für Aleppo vom 5. Mai wurde am Sonntag, dem 23. Mai gebrochen, nachdem russische Luftangriffe die einzige Straße nach Aleppo in einem der heftigsten Bombardements seit Februar angriffen, und wie ein Sprecher der Rebellen und Beobachtungsstellen sagen, so den Zugang für ca. 300.000 Zivilisten gefährden.

Der Diktator Bashar Al-Assad erklärte nur einen Tag nach dem zeitweiligen Waffenstillstand vom 5. Mai in einem Telegramm an den russischen Präsidenten Vladimir Putin, in dem er Moskau für die militärische Unterstützung dankt, die syrische Armee würde sich mit nicht weniger als dem „Endsieg“ und „der Zerschlagung der Aggression“ der Rebellen in Aleppo zufrieden geben.banner-Endsieg-in-Aleppo

Die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und bewaffneten Oppositionsgruppen der Freien Syrischen Armee (FSA) und dschihadistischen Gruppen wie Jabhat al-Nusra (syrischer Zweig der Al-Qaida) und Daesh werden derzeit in der Provinz Aleppo fortgesetzt und außerdem in den Gouvernements Deir Ezzor (Osten), Homs und Damaskus (Zentrum) und Deraa (Süden). Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurde ebenfalls am 5. Mai ein Lager für Inlandsflüchtlinge in der Provinz Idlib (Nordwesten) entweder von Assads oder von russischen Flugzeugen bombardiert.

Die Friedens-Roadmap, die Ende 2015 in Wien bei der Konferenz der Internationalen Syrien-Unterstützergruppe – einer Gruppe von 17 Staaten und drei internationalen Organisationen, einschlieβlich der USA, Russland, Saudi-Arabien, Iran und der Europäischen Union – ist vollkommen gescheitert. Dies obwohl der Entwurf des Friedensvertrages im Dezember auch durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrats abgesegnet wurde. Der 1. August 2016 als Datum für die Einsetzung einer Übergangsregierung, wie in der UN-Resolution vereinbart, ist ebenfalls vom Tisch.

Das Assad-Regime und seine Verbündeten Russland, Iran und Hisbollah setzen ihre täglichen Angriffe und tödlichen Bombardements von Zivilisten und ziviler Infrastruktur im ganzen Land fort. Dies geschieht natürlich in Komplizenschaft mit anderen Weltmächten.

Es gibt noch immer eine Alternative zum Assad-Regime und den Dschihadisten – die freien Menschen in Syrien.

Gleichzeitig begehen auch die vom Waffenstillstand ausgeschlossenen islamistischen Kräfte schwerwiegende Verbrechen, wie etwa bei der Explosion von sieben Autobomben in den zwei Küstenstädten Tartus und Jable in Westsyrien am 23. Mai, für die Daesh (IS) die Verantwortung übernahm und mehr als 120 Menschen den Tod fanden. Oder bei dem religiös motivierten Massaker durch islamistische Gruppen unter Führung der Nusra-Front, bei dem im Dorf Zara in der Hama-Provinz mindestens 19 Zivilisten ums Leben kamen.

Ein Statement der Freien Syrischen Armee (FSA) vom 23. Mai, das von fast 40 Rebellengruppen aus ganz Syrien unterzeichnet wurde, besagte, dass sie den Waffenstillstand als „völlig zusammengebrochen“ betrachten, sollten die Angriffe der syrischen Regierung und der verbündeten libanesischen Hisbollah-Kämpfer auf ihre Stellungen in den Vorstädten von Damaskus nicht binnen zwei Tagen beendet werden.

Darüber hinaus hat die Ankündigung des Abzugs russischer Truppen von Präsident Putin am 14. März nicht dazu geführt, dass die russischen Bombardements zur Unterstützung der Assad-Truppen in verschiedenen Regionen des Landes beendet werden, auch bleiben weiterhin russische Truppen im Land. Die Militärbasis Khmeimim südöstlich der Stadt Latakia wird zum Beispiel weiter von russischen Truppen genutzt, ebenso die Marinebasis in Tartus. Putin hat zugesagt, diese Basen zu Land, Wasser und Luft zu schützen. Auch scheinen russische Hubschrauber, Panzerfahrzeuge, Langstreckenraketen sowie schätzungsweise 5.000 Truppen in Syrien zu verbleiben. Russland lässt außerdem sein fortschrittliches S-400 Luftabwehrsystem im Land und Putin erklärte, Russland werde nicht zögern, „jedes Ziel“ abzuschießen, das den syrischen Luftraum verletzt. Auch bei der Offensive in Palmyra war die russische Präsenz zu Luft und zu Land ausschlaggebend.

Am 17. März erklärte Putin, Moskau könne seine Militärpräsenz innerhalb von Stunden wieder aufbauen und werde auch weiterhin „terroristische Gruppen“ bombardieren. Er fügte hinzu, dass Russland weiter die syrische Armee mit Waffen, Ausbildung und Beratung unterstützen werde.

Die Ankündigung des russischen Truppenabzugs war eine diplomatische Geste vor den neuen „Friedensverhandlungen“ in Genf Mitte März, bei denen Repräsentanten des Assad-Regimes und der syrischen Opposition teilnahmen, der so genannten „Nationalen Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte“ (auf Arabisch bekannt als Etilaf), die von rechten, liberalen Kräften und der Muslimbruderschaft dominiert wird.

Putin ist der wichtigste Verbündete Assads. Mit Hilfe russischer Luftschläge ab September 2015 konnte die syrische Armee große Gebiete zurückerobern. By Freedom House, licensed under CC BY 2.0.

Darüber hinaus kämpfen Zehntausende Kämpfer der iranischen Hisbollah und anderer fundamentalistischer schiitischer Milizen an der Seite der Regierungstruppen. Auch der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, erklärte in der Folge des Todes des höchsten Hisbollah-Führers Mustafa Badreddine ein paar Wochen zuvor, dass die Anzahl ihrer Soldaten zur Unterstützung des Assad-Regimes erhöht werde.

Der Waffenstillstand ist also sehr stark gefährdet. Auch die syrischen Revolutionäre haben ihre Zweifel an der Einhaltung der Waffenruhe bei diversen Gelegenheiten deutlich zum Ausdruck gebracht, z.B. bei der Massendemonstration am Freitag, dem 4. März. Auf einem Transparent stand geschrieben: „Der Verräter [Assad] wird keinen Waffenstillstand machen, auβer auf den Golan-Höhen [die von Israel besetzt sind].“

Die Freiheitsliebe/JusticeNow!: Wie sieht das derzeitige Machtgleichgewicht in Syrien aus?

Joseph Daher: Das derzeitige Machtverhältnis ist klar zugunsten des Assad-Regimes, das seit der russischen Militärintervention im Oktober 2015 erhebliche Gebiete zurückgewonnen hat. Aleppo wird von den Regierungstruppen und ihren Allierten Russland, Iran und Hisbollah belagert, während sich die USA und die europäischen Länder auf Daesh (IS) konzentrieren.

Die Freiheitsliebe/JusticeNow!: Wie war es möglich, dass Daesh so schnell Macht gewann und welche Rolle spielt das Assad-Regime dabei?

Joseph Daher: Der Aufstieg von Daesh in Syrien ist eng mit den massiven Repressionen des Assad-Regimes gegen die Volksbewegung und die syrische Revolution seit 2011 verbunden, die Daesh und anderen reaktionären islamischen Kräften halfen. Nicht nur durch schwere Verbrechen, die Millionen von Flüchtlingen schufen und zur Zerstörung Syriens beitrugen, leistete das Assad-Regime der Entwicklung von Daesh Vorschub, sondern auch durch die Freilassung von mehr als 1.500 Personen aus dem Kreis der am besten vernetzten salafistischen Aktivisten aus syrischen Gefängnissen zu Beginn der Revolution. Diese wurden später die Führer der fundamentalistischen, reaktionären Kräfte. Demokratische Aktivisten wurden hingegen verhaftet und gefoltert. Wir sollten uns klar machen, dass das Assad-Regime zumeist auf die demokratischen, progressiven Kräfte und die Freie Syrische Armee abzielte, während es Daesh erlaubte zu wachsen. Die Intervention des Iran, der libanesischen Hisbollah und fundamentalistischer schiitischer Milizen aus dem Irak entfachte die religiöse Komponente des Konflikts und schuf eine Stimmung, die das Erstarken sunnitischer Islamisten wie des IS weiter begünstigte.

Was die dschihadistische Präsenz in Syrien betrifft, so wuchs dieses Phänomen auch schon in den Jahren vor der Revolution, besonders aufgrund des Krieges der USA gegen den Irak 2003, weshalb schon 2011 bis zu 8.000 Dschihadisten in Syrien präsent waren. Das Regime lieβ sie Syrien frei passieren, um im Irak zu kämpfen, und kooperierte gar mit einigen dieser Gruppen. Zu Beginn des Aufstandes 2011 wurden dann, wie gesagt, viele von ihnen aus den Gefängnissen freigelassen und konnten sich organisieren und ihren Einfluss ausweiten, während das Regime demokratische und säkulare Aktivisten unterdrückte. Der Aufstieg des IS (Daesh) und anderer fundamentalistischer Gruppen ging einher mit der Strategie des Assad-Regimes, dem Volk nur eine Alternative zu lassen: ich oder IS, Jabhat al-Nusra und die anderen Islamisten… Der Groβteil der Führungsriege der verschiedenen islamistischen Gruppen saß zu Beginn der Revolution im Gefängnis.

Hiermit will ich nicht abstreiten, dass auch andere Staaten der Region (Türkei, Saudi-Arabien und Katar) bei der Entwicklung von Daesh und anderen islamistisch-fundamentalistischen Gruppen, die den Zielen der Revolution entgegenstehen, eine Rolle spielten. Katar beispielsweise war ein Hauptunterstützer von Jabhat al-Nusra (syrischer Zweig von al-Qaida) und Ahrar al-Sham. Die Türkei unterstützte direkt oder indirekt verschiedene Dschihadisten-Gruppen wie die Dschaisch al-Fatah und den IS, indem sie ihnen lange Zeit völlige Handlungsfreiheit auf beiden Seiten der Grenze gewährte, um gegen die demokratischen Kräfte des FSA im Norden Syriens und vor allem gegen die Autonomie kurdischer Regionen in Syrien unter dem Schutz der PKK vorzugehen. Private Netzwerke aus den Golfmonarchien haben mit Zustimmung ihrer herrschenden Klassen verschiedene islamisch-fundamentalistische Kräfte alimentiert mit der Zielsetzung, die Revolution des Volkes in einen religiös aufgeheizten Krieg zu verwandeln.

Die Freiheitsliebe/JusticeNow!: Wie kann Daesh in Syrien geschlagen werden?

Joseph Daher: Das wichtigste ist es, die Bedingungen zu bekämpfen, die den Aufstieg von Daesh erst ermöglichten.

Die Lösung dafür liegt nicht in der Zusammenarbeit mit autoritären Regimen wie dem Assad-Regime. Die Lösung ist, dem IS und anderen reaktionären, dschihadistischen Gruppen Widerstand entgegenzusetzen, deren Erstarken das Assad-Regime zu Beginn der Revolution begünstigt hat, aber auch dem kriminellen, autoritären, barbarischen Assad-Regime selbst. Das Assad-Regime ist der Hauptverantwortliche für das Desaster in Syrien und der Vertreibung von Millionen Syrern. Beide Akteure sind barbarisch und müssen in der Hoffnung auf eine demokratische, säkulare und soziale Gesellschaft in Syrien und anderswo überwunden werden.

Die Personalie Assad spaltet das Land. Ein großer Teil der Bevölkerung steht noch immer hinter ihm. Der andere Teil sieht in ihm die Wurzel allen Übels. By Freedom House, flickr (left, right), licensed under CC BY 2.0.

Die Personalie Assad spaltet das Land. Ein großer Teil der Bevölkerung steht noch immer hinter ihm. Der andere Teil sieht in ihm die Wurzel allen Übels. By Freedom House, flickr (left, right), licensed under CC BY 2.0.

Dies erfordert die Unterstützung demokratischer Volksbewegungen, um sich diesen beiden konterrevolutionären Kräften zu widersetzen, sowie den verschiedenen Formen des Imperialismus (USA und Russland) und den regionalen Imperialisten (Iran, Saudi-Arabien, Katar und Türkei), die alle gegen die Interessen der Menschen in dieser Region kämpfen. Trotz aller Schwierigkeiten existieren solche Aktivisten in Syrien noch immer und sie kämpfen jeden Tag.

Lasst uns beispielsweise auch den Irak betrachten, das Land in dem der IS seinen Ursprung hatte. Seit dem Sommer 2015 hat sich dort eine Volksbewegung entwickelt, die die schiitische Regierung in Bagdad, die vom Iran unterstützt wird, in Frage stellt. Diese groβen Demonstrationen fordern einen säkularen Staat, sind gegen die Spaltung von Sunniten und Schiiten, für die Rechte und Gleichberechtigung von Frauen und verurteilen die sektiererische Politik in Bagdad. Die Demonstranten machten die Regierung aufgrund ihrer Politik teilweise auch für die Entstehung des IS verantwortlich, wie man auf einigen Transparenten lesen konnte: „Das Parlament und der IS sind zwei Seiten derselben Medaille“ und „Daesh wurde durch eure Korruption geboren“.

Es reicht nicht aus, nur den westlichen Imperialismus zu verurteilen, sondern auch die autoritären Regimes in der Region, die mit ihrer repressiven und neoliberalen Politik ebenso eine Quelle für das Anwachsen von Daesh sind. Die Gefängnisse und Folterkammern in Tunesien, Ägypten, Saudi-Arabien, Syrien, Iran usw. müssen auch genau so verurteilt werden. Es kann keinen ernsthaften Kampf gegen Daesh geben ohne den Fall dieser Regime und mit einer echten demokratischen Alternative.

Die Lösung ist, sich den dschihadistischen, fundamentalistischen, reaktionären Kräften von Daesh zu widersetzen, aber gleichzeitig auch den reaktionären Regimen, mit ihrer sektiererischen, autoritären Politik und den reaktionären Kräften, die sie unterstützen. Diese beiden Akteure füttern sich gegenseitig und müssen überwunden und besiegt werden, wenn wir jemals hoffen wollen, eine demokratische, progressive Volksbewegung aufzubauen, um es dieser Region zu ermöglichen diesen Albtraum zu beenden, der schon viel zu lange dauert.

Mit diesem Verständnis können wir den Albtraum aus Diktaturen und Fundamentalismus jeglicher Art überwinden und vor allem Millionen von Menschen ein Leben in Würde und Freiheit gewähren.

Wie auf einem Transparent in Bustan Qasr, Aleppo im Januar 2014 geschrieben stand: „Assad wird nicht gestürzt, wenn der IS nicht gestürzt wird“.

Die Freiheitsliebe/JusticeNow!: Sind die amerikanischen, russischen und französischen Bomben eher Teil des Problems als der Lösung?

Joseph Daher: Nein, sie sind sicher kein Teil der Lösung. Niemand von ihnen hilft den Revolutionären, eher im Gegenteil, denn sie töten noch mehr Zivilisten.

Zwischen dem 30. September 2015 und Anfang März 2016 haben russische Luftangriffe 4.408 Menschen getötet, davon 1.733 Zivilisten, 429 Kinder und 250 Frauen, wie die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet. Die von den USA geführte Koalition hat bis jetzt 408 Zivilisten in ihren Bombardements getötet.

Die Propaganda „Krieg gegen Terrorismus“, die vom russischen Staat betrieben wird, ist ein Mittel, das Assad-Regime politisch und militärisch zu unterstützen und jede Form von Opposition zu unterdrücken. Putin will, dass die imperialistischen Akteure im Westen Assad als Herrscher ansehen, der ihnen im Kampf gegen den „Terrorismus“ helfen kann. Die Ziele der Luftangriffe sind klar: der Schutz des Assad-Rgimes und die Stärkung seiner politischen und militärischen Macht. Der russische Präsident Vladimir Putin sagte am 28. September 2015, vor Beginn der Luftschläge: „Es gibt keine andere Weise den Syrien-Konflikt zu lösen, als die existierenden legitimen Regierungsorgane im Kampf gegen den Terrorismus zu unterstützen“.

Mit anderen Worten: die Zerstörung aller Arten von Opposition gegen das Assad-Regime, sei sie demokratisch oder reaktionär. Alle autoritären Regime haben die gleiche Art von Propaganda genutzt, um gegen Volksbewegungen oder Oppositionsgruppen gegen ihre Macht vorzugehen: Assad gegen die Volksbewegung seit dem ersten Tag der Aufstände, Sisi in Ägypten, insbesondere um gegen die Muslimbruderschaft vorzugehen, aber auch gegen progressive linke und demokratische Bewegungen wie die Revolutionären Sozialisten, die Bewegung vom 6. April usw., Erdogan gegen die PKK und diverse linke Gruppen, Bahrain und Saudi-Arabien gegen die Demonstranten, die ihre Macht in Frage stellten, usw.

Studenten der Universität Aleppo im April 2012 appelieren an die Weltöffentlichkeit. By Freedom House, licensed under CC BY 2.0.

Studenten der Universität Aleppo im April 2012 appelieren an die Weltöffentlichkeit. By Freedom House, licensed under CC BY 2.0.

Der russische Verteidigungsminister Shoigu sagte am Freitag, dem 20. Mai, dass Russland den USA und der internationalen von Washington geleiteten Koalition vorschlage, ab dem 25. Mai gemeinsam gegen in Syrien aktive Terrorgruppen, die den Waffenstillstand verletzen, Luftangriffe zu fliegen, und dies in direkter Absprache mit dem Assad-Regime. Washington wies das Angebot mit der Begründung zurück, die USA würden nicht mit Russland bei einer Militäroperation in Syrien kooperieren. Die Kommunikation zwischen dem amerikanischen und dem russischen Militär beschränkt sich in Syrien darauf, Unfälle zu vermeiden, da sie unabhängige Bombardements leiten und außerdem eine kleine Anzahl amerikanischer Kräfte am Boden operiert. Die russische Operation hat das Ziel, das Assad-Regime an der Macht zu halten, während die Vereinigten Staaten sich darauf konzentrieren, den IS zu besiegen, wie John Kerry behauptet. Er sagte, die US Regierung diskutiere mit der russischen Gegenseite Vorschläge, für eine nachhaltige Überwachung und Durchsetzung der Kampfpause in Syrien.

Das grundlegende Problem ist, dass keine der „Lösungen“ der internationalen Gemeinschaft an die Wurzel zur Bekämpfung von Daesh geht, wie ich sie oben beschrieben habe.

Die Freiheitsliebe/JusticeNow!: In einem Artikel von 2014 hast Du geschrieben „Die syrische Revolution ist noch immer sehr lebendig.“ In den letzten zwei Jahren schien es jedoch, als wären Bewegungen von unten so gut wie tot. Vor wenigen Wochen kam es dann in mehreren, auch von Islamisten besetzten Städten, zu Protesten. Können diese ein Anzeichen für eine neue Bewegung für Demokratie und soziale Gerechtigkeit sein?

Joseph Daher: Die Bewegung war niemals vollständig tot. Auf  meinem Blog „Syria Freedom Forever“ findest Du viele Artikel, die den Widerstand der Volksbewegungen gegen das Assad-Regime und die fundamentalistischen islamischen Kräfte dokumentieren. Sie sind es, die die Träume und Ziele vom Beginn der Revolution wach halten: Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und ein klares NEIN zum Religionskrieg. Man findet sie in Aleppos, Ildib, Damaskus usw.

Fünf Jahre nach Beginn der Revolution wollen die Menschen noch immer den Sturz des Regimes.

Die Revolutionäre in diesen Gegenden organisieren sich durch Volksräte auf dem Level von Dörfern, Nachbarschaften und Regionen. In Selbstorganisation kümmern sie sich um sämtliche Bereiche der Gesellschaft: die Verwaltung von Schulen, Abfallmanagement, Bereitstellung von Nahrungsmitteln und der notwendigsten Produkte, demokratische Kampagnen, kulturelle Veranstaltungen, psychologische Hilfe für Zivilisten, usw. Diese Volksräte sind die wirkliche Speerspitze der Bewegung, die auch Menschen zu Protesten aufrief.

Den wahren Geist der Revolution konnte man während der groβen Demonstrationen in den befreiten Gebieten des Landes am 27. Januar fühlen. An den demokratisch-säkularen Slogans, auf einem Transparent stand: „Die Türen für die friedliche Revolution sind wieder offen!“ Die syrische Revolutionsfahne war überall zu sehen. Es ist interessant zu beobachten, dass salafistisch-dschihadistische Militärs und ihre Symbole nicht zu sehen waren.

Die groβen Volksdemonstrationen haben gezeigt, dass die freien Syrer jede Gelegenheit zur Wiederbelebung ihrer Revolution nutzen und ihre Ziele noch nicht vergessen haben: „Waffenstillstand ist Waffenstillstand, unsere friedliche Revolution aber geht weiter bis zum Sturz Assads und der Einführung von Gerechtigkeit für ganz Syrien.“

Es gibt noch immer eine Alternative zum Assad-Regime und den Dschihadisten – die freien Menschen in Syrien.

“Freedom to Syria”, by Freedom House, licensed under CC BY 2.0 (edited).

“Freedom to Syria”, by Freedom House, licensed under CC BY 2.0 (edited).

Sie erinnern die Welt wieder daran, dass es eine Alternative zum Assad-Regime und den Dschihadisten gibt, den beiden Konterrevolutionären und Verlierern der Freitags-Demos. Diese Alternative sind die freien syrischen Menschen, die trotz der Bombardements und der Verbrechen des Assad-Regimes auf der einen und den Angriffen und dem Autoritarismus der Dschihadisten auf der anderen Seite, immer noch das tägliche Leben in ihren freien Dörfern, Nachbarschaften und Regionen in ihren lokalen Volksräten organisieren. Die gleichen Volksräte haben sich dafür stark gemacht, die verschiedenen bewaffneten Oppositionsgruppen unter der Fahne der Freien Syrischen Armee zu vereinen und die Ziele der Revolution hochzuhalten.

Die Menschen in Syrien beweisen wieder und immer wieder ihre Kraft und ihr Durchhaltevermögen.

Auf den Demonstrationen hörten wir die Gesänge:

„Fünf Jahre nach Beginn der Revolution
wollen die Menschen noch immer den Sturz des Regimes.“


Title image by Douma Revolution, licensed under CC BY 2.0, edited by JusticeNow!.

Julius Jamal und Jakob Reimann danken Joseph Daher recht herzlich für seine ausführlichen, höchst informativen Antworten! In Teil 2 des Interviews (Donnerstag, 30.6.) wird es um die Rolle des Irans und eine Einordnung Syriens in den globalen Kontext imperialer Kriege gehen.

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