2014 war ein Jahr der Kriege. Im Sommer wurde Gaza aufgrund fadenscheiniger Gründe erneut in Schutt und Asche gelegt. Tausende wurden getötet, Hunderttausende wurden obdachlos. Trotz Waffenstillstand ist ein echter Frieden nicht in Sicht.

Der ewige Status Quo

Seit dem Sechstagekrieg von 1967 hält Israel den Gazastreifen militärisch besetzt. Auch der symbolische Abzug des Militärs und die Räumung einiger Tausend Siedler im Jahre 2005 änderten daran nichts: Gaza ist weiterhin unter illegaler Besatzung.

Die Grenzen sind dicht. Alles, was nach Gaza rein- oder rauskommt, wird von Israel kontrolliert. Die wirtschafltiche Entwicklung wird massivst behindert. Der freie Zugang zum Mittelmeer wird durch die israelische Marine blockiert. Der Luftraum ist abgeriegelt.

Gaza ist und bleibt das größte Freiluftgefängnis der Welt!

Das internationale Völkerrecht erlaubt es der Bevölkerung eines militärisch besetzten Gebiets, sich zu verteidigen – auch mit militärischer Gewalt.
Aus diesem Selbstverständnis heraus müssen die in regelmäßigen Abständen vom palästinensichen Widerstand auf Israel abgefeuerten Raketen gesehen werden.

Um eines von vorhnherein klarzustellen: Ich verurteile diese Raketen scharf!

Auch wenn sie Mittel des Widerstands gegen eine illegale Besatzung sind, müssen sie aus pazifistischer Sicht verurteilt werden. Nicht „nur“ weil die Raketenangriffe israelische Zivilisten gefährden, sondern auch weil sie offiziell stets das Hauptargument der israelischen Führung für ihre völkerrechtswidrigen Kriege in Gaza sind – und daher absolut kontraproduktiv für eine nachhaltige Beilegung des Konflikts.

So auch 2014.

Eskalation der Gewalt: Drei entführte Israelis – ein verbrannter Palästinenser

Im Sommer 2014 brennt die Luft in Palästina-Israel: Demonstrationen und Gewalt auf beiden Seiten, Raketen auf Israel, erste israelische Luftschläge, die ersten Toten.
Dann kommt die Meldung von drei entführten israelischen Jugendlichen in der Nähe von Hebron im Westjordanland.

Die Israelis reagieren mit brutaler Härte: flächendeckende Razzien, über 400 (!) Festnahmen, fünf getötete Palästinenser. Der palästinensische Widerstand seinerseits antwortet mit verstärktem Raketenbeschuss. Die Nachricht, die drei entführten Israelis seien tot aufgefunden, eskaliert die Situation weiter.

Aus Rache entführt eine Gruppe israelischer Rechtsradikaler einen palästinensischen Jugendlichen und verbrennt diesen bei lebendigem Leibe. Es kommt zu blutigen Protesten überall im Land.

So dreht sich die Gewaltspirale, bis das israelische Militär am 8. Juli beginnt, Gaza aus der Luft zu bombardieren. Es ist der Anfang eines 51 Tage andauernden Massakers an der palästinensischen Zivilbevölkerung.

Es ist ein Krieg, der ungleicher kaum sein kann. Auf der einen Seite kämpft eine hochgerüstete Higtech-Armee, die zu den modernsten der Welt gehört. Auf der anderen Seite kämpfen frustrierte Jugendliche mit Steinen und Molotowcocktails und Widerstandskämpfer ausgerüstet mit jahrzehntealten Kalashnikows und meist in Hinterhöfen zusammengebastelten Raketen.

Verbrannte Erde

Das mobile Raketenabwehrsystem Iron Dome fängt die Mehrheit der auf Israel abgefeuerten Raketen in der Luft ab.

Über 4,500 dieser Raketen werden während des Krieges von Gaza aus Richtung Israel abgefeuert. Die überwiegende Mehrheit landet auf unbesiedeltem Gebiet. Vereinzelt schlagen Raketen tatsächlich auch in israelischen Städten ein, so wird eine Tankstelle in Ashdod zerstört. Zum Glück kommt es nur selten zu Verletzten, während des Kriegs sterben vier israelische Zivilisten.

Der Grund, dass Hamas-Raketen nur in absoluten Ausnahmen tödlich sind, ist ein Geschenk des US-amerikanischen Steuerzahlers an Israel:
Das Raketen-Abwehrsystem Iron Dome fängt nahezu jede Rakete auf israelisches Gebiet ab, sobald diese bewohnten Gegenden gefährlich nahe kommt.

Israel hat über 5,000 Ziele im Gazastreifen angegriffen. Neben einer Vielzahl von Wohnhäusern wurde vor allem auch die Infrastruktur Gazas systematisch ins Visier genommen:
Das einzige Kraftwerk im Gazastreifen wurde zerstört, Schulen und Krankenhäuser angegriffen, 360 Industrieanlagen zerstört, Ackerland wurde flächendeckend unbrauchbar gemacht.

Diese Akte staatlichen Terrors haben katastrophale Auswirkungen auf die ohnehin am Boden liegende palästinensische Wirtschaft und die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Sie illustrieren die eigentlichen Absichten dieses Krieges:

Es geht nicht bloß um die Entwaffnung der Hamas, was das offizielle Kriegsziel Israels ist. Dieser Krieg ist erneut ein Angriff auf den Gazastreifen als solches und stellt eine Kollektivbestrafung der gesamten palästinensischen Bevölkerung dar, die erneut um Jahre in ihrer Entwicklung zurückgeworfen wird.

Aus dieser eliminatorischen Agenda macht die israelische Knesset-Abgeordnete Ayelet Shaked keinen großen Hehl, wenn sie kurz nach Kriegsbeginn auf ihrer Facebook-Seite schreibt:

„Das gesamte palästinensische Volk ist unser Feind. […]

Ihre Städte, ihr Eigentum, ihre Infrastruktur [müssen zerstört werden]

Ihr Blut soll an unseren Händen kleben.“

Die deutsche Bundesregierung macht sich zur Kollaborateurin dieser Völkermordsfantasien: Kurz nach Kriegsausbruch liefert sie noch Rüstungsgüter im Wert von über 600 Millionen Euro an Israel. Die Regierung Merkel macht sich mit illegalen Waffenlieferungen unmittelbar mitschuldig an israelischen Kriegsverbechen.

Eine Schande!

Das Ausmaß der Zerstörung

Von 69 getöteten Israelis waren 6% Zivilisten. Von 2,192 getöteten Palästinensern waren mindestens 70% Zivilisten und 24% getötete Kinder. © Spiegel Online

UN-Statistiken ergeben, dass während des Krieges 2,192 Palästinenser von der israelischen Armee getötet wurden.
Darunter sind 1,523 Zivilisten (70%). 519 Kinder wurden ermordet – jedes vierte Opfer war ein Kind, verdammt!
Es wurden weitere 10,224 Palästinenser verletzt, darunter 3,106 Kinder.

Auf der israelischen Seite kam es zu 69 Toten, darunter vier Zivilisten (6%).

Die israelische Armee beteuert stets, dass es ihr Ziel ist, die Hamas-Kämpfer auszuschalten, die palästinensische Zivilbevölkerung aber zu schützen. Sie folgt diesem Anspruch, indem sie vermeintlich möglichst präzise, chirurgische Angriffe durchführt.

Explosion nach einem Luftangriff der israelischen Verteidigungsarmee auf Gaza-City während ihres Angriffskrieges im Sommer 2014: Flächendeckende Kollektivbestrafung der Zivilbevölkerung statt Liquidierung einzelner Kämpfer.

Sehen so etwa chirurgische Angriffe aus?!

Das sind völkerrechtswidrige Kollektivbestrafungen. Wer Bomben in dicht besiedelten Wohngebieten abwirft, nimmt billigend den Tod einer Vielzahl von Zivilisten in Kauf.

Oft kommt der Vorwurf an die Hamas, sie würde die Zivilbevölkerung als „menschliches Schutzschild“ missbrauchen, indem sich ihre Kämpfer beispielsweise in Wohnhäusern versteckt halten und so vorsätzlich das Leben von Zivilisten aufs Spiel setzen.

Wo sollen sie denn aber auch hin, in einem der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt?

Ist es tatsächlich legitim, auf das Haus eines Kämpfers eine Ladung Bomben abzuwerfen und so das Leben seiner Familie und seiner Nachbarn gleich mitauszulöschen?

Es drängt sich der Vorwurf auf, die systematische Zerstörung palästinensischer Wohnhäuser ist von der israelischen Führung politisch gewollt. Allein in diesem Krieg wurden nach UN-Angaben 18,000 Häuser zerstört und 37,000 weitere beschädigt, was eine unvorstellbare Zahl von 108,000 Obdachlosen zur Folge hat. Weitere 110,000 Menschen konnten sich in Notunterkünfte oder Gastfamilien retten.

Der gesamte Gazastreifen ist lediglich so groß wie die Stadt Bremen. Kannst Du Dir die humanitäre Katastrophe ausmalen, wenn Bremen von jetzt auf gleich zusätzliche 218,000 Menschen ohne Obdach hätte?

Der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon findet bei einem Besuch in Gaza für das unvorstellbare Ausmaß der Zerstörung keinerlei Worte mehr:

“The destruction which I have seen coming here is beyond description.”

Neben all den Toten und all den zerstörten Häusern ist ein weiterer Aspekt wohl noch frustrierender. Der Krieg hat 370,000 traumatisierte Kinder zurückgelassen, die mit ansehen mussten, wie ihre Verwandten und Freunde getötet und verstümmelt wurden. Jedes dritte Kind in Gaza müsste in psychologische Behandlung.

Ist es das wirklich wert, Herr Ministerpräsident Netanjahu? Wie kannst du bloß morgens in den Spiegel gucken? Wenn du wissen willst, wo die zukünftigen raketenschießenden Kämpfer herkommen, sie befinden sich in dieser Generation psychisch zerstörter Kinder.

Gesichtslose Zahlen

Im aktuellen Krieg wurden 2,192 Palästinensern und 69 Israelis getötet. Werden diese Zahlen in den Kontext der letzten 14 Jahre gesetzt, ergibt sich ein deprimierendes Gesamtbild.

In den fünf israelischen Militäroperationen gegen Gaza seit dem Jahr 2000 wurden 7,096 Palästinenser getötet. Im gleichen Zeitraum kam es zu 1,114 israelischen Opfern. Nach dem Abzug der israelischen Siedler aus Gaza 2005 kam es „nur“ noch vereinzelt zu israelischen Toten. Die Morde an Palästinensern bleiben im Schnitt auf hohem Niveau.
© Visualizing Palestine

Es widert mich erhrlich gesagt an, über Opferstatistiken zu reden, Menschenleben gegeneinander aufzurechnen – hier ein paar Tote mehr, da nur so und so viele.
Die links-progressive libanesische Zeitung al-Akhbar veröffentlichte eine Liste mit allen getöteten Palästinensern und macht so aus gesichtslosen Zahlen Menschen mit Namen und Schicksalen.

Wir sind medial abgestumpft und vergessen bei all den schrecklichen Nachrichten oft, dass es echte Menschen aus Fleisch und Blut sind, die im Krieg ihr Leben lassen – aufgrund sinnloser Entscheidungen, getroffen von herzlosen, skrupellosen Schreibtischtätern.

Aber was sagen uns nun all diese ungleichen Zahlen und Statistiken? Dass die Zahl der getöteten Israelis steigen und sich der der toten Palästinenser annähern soll? Dass der relative Anteil der toten israelischen Zivilisten höher sein sollte? Mehr tote israelische Kinder?

Sicher nicht!

Jede Rakete, die auf Israel abgefeuert wird, ist ein Verbrechen und wird zurecht geächtet. Jeder getötete Israeli ist einer zu viel und erfüllt mich nicht im Geringsten mit einem Gefühl der Genugtuung, sondern mit Wut und aufrichtiger Trauer.

Die Zahl der Toten soll sich nicht annähern, außer die sich anzunähernde Zahl ist Null!

Diese Statistiken sollen verdeutlichen, dass es sich bei den Gaza-Kriegen nicht um Kriege im herkömmlichen Sinne handelt. Es stehen sich keine Konkurrenten in einem fairen Kampf gegenüber.

Was alle paar Jahre in Gaza geschieht ist kein Krieg – es ist das systematische Abschlachten einer sich in Geiselhaft befindlichen, schutzlosen Bevölkerung!

Waffenruhe – Zeit des Wiederaufbaus?

Am 26. August trat endlich ein von Ägypten vermittelter, unbefristeter Waffenstillstand in Kraft. Der Krieg ist beendet. Die palästinensische Bevölkerung in Gaza macht sich an den Wiederaufbau ihres verwüsteten Küstenstreifens.

Was ist seit dem geschehen? Kann überhaupt von einem echten Frieden die Rede sein?
Eine Auswahl bezeichnender Ereignisse:

Der Wiederaufbau Gazas wird durch die israelischen Behörden massiv blockiert, indem wichtiges Baumaterial zurückgehalten wird. Zigtausende bleiben obdachlos. Von den 4 Milliarden € zugesagter internationaler Hilfszahlungen sind lächerliche 3% angekommen.

Auf der anderen Seite wird der Bau über 1,000 neuer illegaler Wohnhäuser in von Israel besetzten Gebieten beschlossen, der Raub an palästinensischem Land geht unverzüglich weiter.

In Jerusalem wird ein 5-jähriger (!) Palästinenser auf dem Nachhauseweg von einem israelischen Polizisten in den Kopf geschossen.

Ein 17-jähriger Palästinenser wird von einem israelischen Soldaten „kaltblütig“ durch einen Schuss ins Herz getötet. In einem Dorf südlich von Nablus hing er mit einem Freund in einem Park rum, als die beiden Jungs grundlos von dem Soldaten angegriffen wurden.

Ich will es kaum glauben, nach wenigen Wochen des Waffenstillstands fliegt das israelische Militär schon wieder die nächsten Luftangriffe auf Gaza.

Ich könnte diese deprimierende Liste noch lange so weiterführen. Jeder einzelne Punkt auf ihr ist ein Teilstück im Mosaik der Gründe für den nächsten Krieg. Fast täglich kommt es zu neuen Akten der Gewalt zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften.

Operation Protective Edge  war der vierte israelische Überfall auf Gaza seit 2006 – alle zwei Jahre tobt ein neuer Krieg. Man braucht eigentlich nur die Tage zählen, bis es wieder soweit ist.

Die Aufrechterhaltung der mittlerweile 47 Jahre andauernden Besatzung Palästinas sowie der tagtägliche Raub von palästinensischem Grund und Boden durch radikale israelische Siedler sind der Dolch im Rücken echter Friedensbemühungen. Sie schließen sich aus.

Mit dieser auf Rassismus gegründeten Politik Israels wird es niemals Frieden geben! Das nächste Massaker von Gaza ist nur eine Frage der Zeit.

Die Zeit läuft ab.

© Pawel Kuczynski

© Pawel Kuczynski


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