In Ost-Jerusalem und der gesamten Westbank eskaliert die Gewalt. Blutige Demonstrationen, eine massive israelische Truppenstationierung, Morde auf beiden Seiten – der Ausbruch der Dritten Intifada steht scheinbar kurz bevor.

In den letzten Tagen eskaliert die Lage in Palästina erneut. Bereits in den vergangenen Wochen gab es Gewaltausbrüche im palästinensischen Ostteil Jerusalems, bei denen es zu Schießereien und dem Einsatz von Tränengasgranaten zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften in der Al-Aqsa Moschee kam. Ebenso im Gazastreifen, wo wir nach dem blutigen Krieg im Sommer 2014 wieder Luftangriffe auf Gaza und Raketen auf Israel beobachten konnten.

Ausschreitungen auf einem Feld außerhalb von Bethlehem. © Ramallah City

Die Gewalt ist in den letzten Tagen nun auch massiv auf die gesamte Westbank übergeschwappt. Die anhaltend angespannte Lage um die Al-Aqsa Moschee in Ost-Jerusalem, der dritt heiligsten Stätte des Islams, löste in allen Städten in der Westbank Proteste aus, bei denen es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen mit dem israelischen Militär kam. Palästinenser werfen Steine, Molotow-Cocktails und zünden Barrikaden an. Die israelischen Sicherheitskräfte setzen Tränengas, Rauchbomben und scharfe Munition ein.

So wurden allein in den letzten vier Tagen 391 Palästinenser in Kampfhandlungen verletzt, darunter auch 12 Sanitäter des Roten Halbmonds.

Auch in einigen israelischen Städten wie Haifa oder Yafo hielten Teile der arabischen Bevölkerung Solidaritätskundgebungen ab, bei denen es ebenfalls zu gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei kam.

Kaltblütige Morde auf beiden Seiten gießen Öl ins Feuer

Die israelische Siedlung Itamar, in den Samaritaner-Hügeln bei Nablus gelegen, ist berüchtigt für gewaltsame Übergriffe radikaler Siedler auf Palästinenser. Eine Familie aus Itamar wurde am Samstag Opfer eines Angriffs zweier jugendlicher Palästinenser. Sie stoppten das Auto der Familie und erschossen beide Eltern. Die vier unversehrt gebliebenen Kinder auf der Rückbank wurden Zeugen des feigen Mordes an ihren Eltern. Einer der zwei Täter wurde am nächsten Tag erschossen.

In Ost-Jerusalem hat ein 19-jähriger Palästinenser eine Gruppe Israelis mit einem Messer attackiert. Dabei hat er zwei Männer getötet und eine Frau und ein Baby (!) verletzt. Auch er wurde direkt am Tatort erschossen.

An einem Checkpoint in Hebron wurde ein palästinensisches Mädchen von israelischen Grenzbeamten getötet, weil sie sich weigerte, ihr Kopftuch abzulegen.

Der 19-jährige Fadi, der in einer Hetzjagd vor israelischen Siedlern Schutz bei der israelischen Polizei sucht, wird kurzerhand von den Polizisten erschossen. Mit „Tod den Arabern!“-Gesang feiern die Siedler den Mord an dem Jugendlichen:

Die israelische Regierung drohte mit der Invasion sämtlicher Städte der Westbank.

In den sozialen Medien werden die vier hier beschriebenen getöteten palästinensischen Jugendlichen gleichermaßen als Märtyrer gefeiert.

Truppenstationierung in der Westbank

Alle großen Städte in der Westbank und Ostjerusalem sind seit Tagen von israelischen Sicherheitskräften abgeriegelt. Allein in Ost-Jerusalem wurden zusätzliche 900 Polizeikräfte abgestellt.

So auch in der nordpalästinensischen Stadt Nablus. Auch dort sind Hunderte Soldaten an den Stadträndern stationiert worden. Der gesamte Verkehr in der Westbank ist durch diese Abriegelungen lahm gelegt. Die Menschen sitzen in den Städten fest.

Ein unberechenbarer Faktor in dieser Truppenstationierung stellen radikale israelische Siedler dar. Zu Hunderten, Tausenden fahren diese bewaffneten Radikalen an die Grenzen der palästinensischen Städte. Ein ganzer Buskonvoi war auf dem Weg nach Ost-Jerusalem. Rund 30 Siedlerfahrzeuge wurden vom Militär beschützt an die Grenzen von Nablus geleitet, die Stadt wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt.

„Kampf bis zum Tod“

Die israelische Regierung kündigte Kollektivbestrafungen gegen die palästinensische Bevölkerung in Jerusalem und der Westbank an und drohte mit der Invasion sämtlicher Städte der Westbank mittels israelischer Panzer.

Israels Ministerpräsident Netanyahu schwört seine Landsleute auf einen „Kampf bis zum Tod“ ein und wies den israelischen Sicherheitskräften „strong action“ gegen die Palästinenser an. Die drei Säulen Netanyahus Militärstrategie sind 1. die Stationierung Tausender Soldaten auf palästinensischem Gebiet, 2. die massive Anwendung von Vorbeugehaft, und 3. das Zerstören von Wohnhäusern von Verdächtigen.

Der Ausbruch der Dritten Intifada scheint eine Frage von Tagen und Stunden zu sein.

Letzteres ist eine perfide Taktik der Kollektivbestrafung, eine Tausendfach geprobte Maßnahme, um den Terror zurück zu den Zivilisten in die Dörfer und Städte zu bringen.  So wurden auch die Häuser der Familien der beiden oben angesprochenen Jugendlichen, die jeweils zwei Israelis getötet haben, von israelischen Sicherheitskräften abgerissen und die Familien auf die Straße gesetzt.

Eine weitere dieser Hauszerstörungen ist für die Nacht zu Dienstag in dem Flüchtlingscamp Askar in der Nähe von Nablus geplant.

Ich war vor Kurzem selbst in Askar und habe mir die Geschichten der Leute dort angehört, deren Familien seit 1950 in dem völlig überfüllten und heruntergekommenen Flüchtlingscamp leben. Die Geschichten der freundlichen, überaus stolzen und in genauso hohem Maße frustrierten Jugendlichen, die ihr Rückkehrrecht nach Haifa einfordern, obwohl selbst ihre Eltern niemals dort waren. In diesem Pulverfass Askar Camp nun, könnte die Zerstörung eines ganzen Wohnhauses und die Vertreibung der Bewohner der Funke sein, der ganz Israel-Palästina erneut in Brand setzt.

Der Ausbruch der Dritten Intifada scheint eine Frage von Tagen und Stunden zu sein.

 


Neben den verlinkten Websites war für diesen Artikel die Kommunikation zu Menschen vor Ort eine unverzichtbare Informationsquelle (Augenzeugenberichte, Übersetzung lokaler Fernsehnachrichten). Dafür bedanke ich mich vielmals!




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