Im Kampf gegen das unmenschliche Vorgehen der Wehrmacht bei der Eroberung Frankreichs bediente sich das französische Militär auch einer Gruppe Schwarzafrikaner, der französischen Kolonialtruppen, genannt „senegalesische Schützen“. Im Juni 1940 begangen Hitlers Truppen in Chasseley ein Massaker an 48 Senegalesen – ein vergessenes Kriegsverbrechen, dem hier gedacht werden soll.

Von Wilfried Kühn

Wie war das noch Anfang bis Mitte Juni? Schockiert über den Mord an George Floyd, protestierten auch in Deutschland sehr viele Leute gegen rassistisches Verhalten in der amerikanischen und in der deutschen Polizei. Zugleich erinnerten manche Zeitungen daran, dass die Wehrmacht vor achtzig Jahren die französische Armee besiegte und in Frankreich einmarschierte. Am 17. Juni veröffentlichte die führende französische Tageszeitung Le Monde auf ihrer ersten Seite ein bisher unbekanntes Foto aus den Tagen der Niederlage im Juni 1940: Mit erhobenen Händen werden afrikanische Soldaten von deutschen eskortiert. Der Text sagt, dass die afrikanischen Gefangenen zur Exekution geführt wurden. Auf zwei Seiten im Innern der Zeitung wird das Geschehen dargestellt. Die großen deutschen Medienhäuser haben darauf nicht reagiert, als gehe der historische Skandal und seine aktuelle Dokumentation in Frankreich ihre Leser nichts an. Also ist Die Freiheitsliebe am Zug.

Dass die Wehrmacht feindliche Soldaten, Gefangene und Zivilpersonen ihrer angeblichen Rasse wegen für Untermenschen hielt und viele von ihnen vernichtete, das ist für den Krieg gegen die Sowjetunion bekannt geworden – vor allem durch die Wehrmachtsausstellung von Hannes Heer (1995). Im Krieg gegen Polen, der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs 1939, spielten rassistische Motive noch keine Rolle in der Wehrmacht. Wohl aber in der zweiten Phase, dem Krieg gegen Frankreich. Das ist zwar von Historikern erforscht und seit 2009 von einigen Medien weiterverbreitet worden, gelangte aber noch nicht ins öffentliche Bewusstsein.

An die mörderische Menschenverachtung zu erinnern, mit der die Wehrmacht bei der Eroberung Frankreichs vorging, das ist von aktueller Bedeutung, weil sie sich gegen Schwarzafrikaner richtete, gegen die französischen Kolonialtruppen, die „senegalesische Schützen“ genannt wurden. Seit den Kriegen, mit denen das deutsche Militär die Aufstände in den deutschen Kolonien 1904/1905 und 1907 brutal niederschlug, wurde den Afrikanern von den Konservativen und ihrer Presse das Mensch-Sein abgesprochen. Die Nationalsozialisten lieferten für die Einschätzung der Afrikaner einen ideologischen Rahmen: Sie wurden den minderwertigen Rassen zugeordnet, als Wilde verachtet. Im Lauf des Krieges gegen Frankreich verlangte Goebbels von der Presse, dem Feind vorzuwerfen, dass er solche – grausame schwarze – Untermenschen einsetze, um die europäische Kultur vor den Deutschen zu retten. Der „Völkische Beobachter“ zog daraus die Konsequenz, dass „diesen mörderischen Bestien kein Pardon gegeben wird“. Um die Soldaten zu motivieren, überschüttete sie die Propaganda mit einer Flut von Berichten über erfundene Grausamkeiten der Afrikaner.

Offenbar genügte dieses Trommelfeuer, um die Soldaten zum selektiven Bruch des Kriegsrechts nur gegen Afrikaner zu veranlassen. Denn einerseits enthielt das Soldbuch aller deutschen Militärs eine Liste von Regeln, zu denen das Verbot gehörte, Feinde zu töten, die sich ergeben hatten. Andererseits kam der Befehl, schwarze Gefangene zu töten, nicht zentral vom Oberkommando, sondern jeweils von den Offizieren vor Ort, wenn die Mörder überhaupt auf Befehl und nicht spontan handelten.

Das Massaker von Chasselay

Neu ist nun für unsere Kenntnis der Verbrechen, die deutsche Soldaten an den senegalesischen Schützen verübten, dass Le Monde Fotos von einem Massaker veröffentlicht. Man sieht da nicht nur den Zug der Gefangenen, sondern auch das Maschinengewehrfeuer, mit dem die Afrikaner von zwei Panzern aus niedergeschossen wurden, und ihre Leichen auf dem Feld liegen, auf dem sie sich aufstellen mussten. Die Bilder hatte ein deutscher Soldat aufgenommen, sie wurden in einem Fotoalbum vergessen, bis ein französischer Sammler, Baptiste Garin, das Album ersteigerte und die furchtbaren Fotos von einem speziell kompetenten Historiker, Julien Fargettas, einem bestimmten Ort und Geschehen zuordnen ließ.

Der Ort ist Chasselay nordwestlich von Lyon, Schauplatz des letzten in einer Reihe von Kriegsverbrechen an senegalesischen Schützen. Am 17. Juni 1940 verkündete der französische Präsident Pétain die Feuereinstellung und bat Deutschland um einen Waffenstillstand. Das französische Oberkommando erklärte Lyon zur offenen Stadt und befahl seinen Truppen, sich nach Süden zurückzuziehen. Aber etwa 2.200 senegalesische Schützen und gut ebenso viele andere französische Soldaten folgten dem Befehl nicht, sondern verschanzten sich in Chasselay und benachbarten Orten, um den Vormarsch der Deutschen aufzuhalten. An einer Straßensperre hissten sie aber eine weiße Fahne. Als sich ein Trupp des Infanterieregiments Großdeutschland am Morgen des 19. Juni diesem Posten näherte und die französischen Truppen zur Übergabe aufforderte, eröffneten diese das Feuer und töteten viele Deutsche. Es folgten erbitterte Kämpfe in Chasselay und den anderen Verteidigungsstellungen. In Chasselay hielten die senegalesischen Schützen stand, bis ihnen am Nachmittag des 20. Juni die Munition ausging.

Als sie sich ergaben und entwaffnet waren, versuchten ihre weißen Offiziere, sie vor Misshandlungen der Deutschen zu schützen. Daraufhin erschossen die Sieger zwei Leutnants und schossen einem Hauptmann ins Knie. Anschließend führten sie 48 senegalesische Schützen und acht weiße Offiziere an den Rand eines Feldes, bei dem zwei Panzer aufgestellt waren. Sie befahlen den Offizieren, sich auf den Boden zu legen, mit Maschinengewehren in Schach gehalten. Die Schützen mussten sich mit erhobenen Händen auf dem Feld versammeln und bekamen dann den Befehl loszurennen, als wollten sie entkommen. Daraufhin feuerten die zwei Panzer mit ihren Maschinengewehren und Kanonen in mehreren Wellen auf die Fliehenden und rollten dann über die Schwerverwundeten und die Toten. Die Deutschen verboten sogar den Franzosen – hier und andernorts –, die Toten zu begraben. Was doch sechzig Bewohner von Chasselay nicht hinderte, am Ort des Massakers ein Massengrab auszuheben und die Leichen darin zu bestatten.

Die Soldaten der Wehrmacht ermordeten die Schützen und entehrten ihre Leichen, weil sie Schwarze waren. Wäre es den Deutschen darauf angekommen, sich für die Beschießung an der Straßensperre zu rächen, dann hätten sie keinen Unterschied gemacht und die weißen französischen Offiziere auch umgebracht (das Kriegsrecht verbietet Vergeltungsakte an Gefangenen, das deutsche Soldbuch machte sie von einem Befehl höherer Kommandeure abhängig). Wenn gefangene weiße Offiziere ermordet wurden, dann waren es generell Kommandeure nicht von weißen Truppen, sondern von senegalesischen Schützen. In diesen Fällen dehnten die Angehörigen der Wehrmacht ihren rassistischen Vernichtungswillen von den schwarzen Untergebenen auf deren Befehlshaber aus. Im Übrigen gingen die Deutschen meistens so vor, dass sie Schwarze und Weiße trennten und nicht immer, wohl aber in vielen Fällen die Schwarzen erschossen, die Weißen in Gefangenenlager transportierten.

Der Vernichtungswille agierte sich an einem Teil der afrikanischen Gefangenen aus, der auf mindestens dreitausend geschätzt wird – abgesehen von den Tausenden, denen die schlechte Behandlung in den Gefangenenlagern zum Verhängnis wurde. Dass nicht alle gefangenen senegalesischen Schützen auf der Stelle ermordet wurden, nimmt den rassistisch motivierten Massakern nichts von ihrer absoluten Verwerflichkeit.


Quellen für diesen Artikel:

  • Raffael Scheck, Hitlers afrikanische Opfer. Die Massaker der Wehrmacht an schwarzen französischen Soldaten. Verlag Assoziation A, Berlin 2009
  • Benoît Hopquin, „Ces tirailleurs africains massacrés par les nazis”, Le Monde, 17.6.2020, S. 22-23

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Article pic by Unknown French military photographer, Wikimedia Commons, published under public domain.

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