Am Freitag holten die Houthi-Rebellen einen Kampfjet der Saudi-Emirate-Koalition vom Himmel. Als Vergeltung feuerte die Koalition daraufhin am Samstag auf umherstehende Zivilisten nahe der Abschussstelle und tötete 35 von ihnen. Zwölf weitere wurden verletzt.

Dieser Text wurde am 17.2.2020 (17.39) um die Ministeriumssprecher al-Hadri zugeschriebenen Aussagen und Informationen aktualisiert.

Am Samstag feuerte ein Kampfjet der Saudi-Emirate-Koalition in Al-Hayjah im Al-Jawf-Gouvernement im Nordjemen auf eine Gruppe Zivilisten und tötete dabei 31 Menschen, Frauen und Kinder darunter. Zwölf weitere wurden teils schwer verletzt.

Zunächst berichtete Al-Masirah, der aus Beirut betriebene TV-Sender der jemenitischen Houthi-Rebellen, über den Anschlag der Koalition. „Nach unseren ersten Opferzahlen wurden bei dem Angriff 30 Menschen getötet“, zitiert Al-Masirah Yusuf al-Hadri, einen Sprecher des Houthi-geführten Gesundheitsministeriums, mit dem auch JusticeNow! im Kontakt steht.

In einer Nachricht mir gegenüber am Montag erklärt Sprecher al-Hadri, die Zahl der Getöteten sei auf 35 angestiegen.

Nach eigenen Untersuchungen bestätigte auch die UN die Angriffe. „Aus vorläufigen Feldberichten geht hervor, dass am 15. Februar bei Angriffen in der Al-Hayjah-Region … im Al-Jawf-Gouvernement 31 Zivilisten getötet und 12 weitere verletzt wurden“, heißt es im gestrigen Bericht von Lise Grande, der UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe im Jemen (OCHA Yemen).

Die Tötung der 35 Zivilisten stellt einen Vergeltungsschlag für Ereignisse vom vergangenen Freitag dar. Die Houthis schossen im Al-Jawf-Gouvernement einen Jet der Saudi-Emirate-Koalition ab. Die 35 getöteten Zivilisten befanden sich am Tag später im Areal rund um die Abschussstelle dieses Kampfjets, was mir Ministeriumssprecher al-Hadri in seiner Nachricht bestätigt und hinzufügt, dass darüber hinaus „zwischen 12 und 1 Uhr nachts mehrere Wohnhäuser über den Köpfen ihrer Bewohner (Kinder und Frauen) zerstört wurden, während sie schliefen“.

Zwar gab es in der Vergangenheit wiederholt Berichte über vom Himmel geholte Jets, doch stellten sich diese zumeist als Houthi-Propaganda heraus oder es handelte sich bei den abgestürzten Flugzeugen um verunfallte Maschinen. Es gab bislang kaum Fälle bestätigter Abschüsse von Flugzeugen der Koalition, da die Houthis über keine operative Flugabwehr verfügen. Der Abschuss vom Freitag stellt damit in der Tat eine signifikante Entwicklung dar. Ministeriumssprecher al-Hadri bestätigte mir gegenüber, dass die Rebellen den Kampfjet tatsächlich vom Himmel holten. Auch veröffentlichten die Houthis ein Video, das den Abschuss zeigen soll.

„Wenn sie [die Houthis] über militärische Fähigkeiten wie Raketenbatterien oder Land-zu-Luft-Kapazitäten gegen die saudische Luftwaffe verfügen würden, wäre dies ein Game-Changer“, erklärt Marwan Bishara, der Chefanalyst von Al Jazeera. Die unangefochtene Hoheit im jemenitischen Luftraum ist das Rückgrat der saudischen Kriegsführung im Jemen, ohne die der im März 2015 initiierte Bombenkrieg undenkbar wäre.

Der Iran wird stets beschuldigt, im Bruch des in der Resolution 2216 des UN-Sicherheitsrats verhängten Waffenembargos gegen den Jemen die Houthi-Rebellen mit fortschrittlichen Waffen zu beliefern, was sowohl Teheran als auch die Houthis kategorisch dementieren. Die Houthis geben an, insbesondere ihr Raketenprogramm sei Ergebnis ihrer eigenen Ingenieursleistung.

Resolution 2216 ist im Prinzip natürlich zu begrüßen, da der waffenüberschwemmte Jemen dringend ein vollständiges Waffenembargo braucht, doch ist sie dennoch äußerst problematisch, da sie nur jemenitische Akteure umfasst. Jene Partei, die mit Abstand für die meisten der mehr als 230.000 Kriegstoten verantwortlich ist – die acht Staaten der Saudi-Emirate-Koalition – können weiter uneingeschränkt mit Waffen beliefert werden.

Laut den Datenbanken des Stockholmer Friedensinstituts SIPRI waren es in den Jahren des Jemenkriegs 32 Länder, die die Waffenarsenale der acht Länder der Saudi-Emirate-Koalition bestückten und die damit unmittelbar Mitschuld an den Kriegsverbrechen im Jemen und der laut UN „schlimmsten humanitären Katastrophe der Welt“ tragen.

Herkunftsländer der Waffenexporte an die acht Länder der Saudi-Emirate-Koalition in den Jahren des Jemenkriegs (2015-2018). Data source: SIPRI Arms Transfers Database. Compiled and created by Jakob Reimann, JusticeNow!, licensed under CC BY-ND 4.0.

Die USA stehen mit 56,8 Prozent unangefochten an der Spitze der Waffenexporteure an die Koalition, gefolgt von Frankreich (12,7), Russland (7,8), Großbritannien (6,8) und Deutschland mit 3,8 Prozent aller gelieferten Waffen.

Am Wochenende erklärte der saudische Außenminister Prinz Faisal bin Farhan al-Saud in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur dpa, er erwarte, dass der ohnehin brüchige Waffenexport-„Stopp“ der Bundesregierung nach Saudi-Arabien bald endet. Im Zuge des brutalen Mords am Journalisten Jamal Khashoggi im Oktober 2018 gab die Merkel-Regierung die Devise heraus, keine Waffen mehr an Saudi-Arabien zu liefern, was jedoch zum Beispiel über Rheinmetall-Töchter in Italien und Südafrika umgangen oder schlicht und ergreifend missachtet wurde und damit ohnehin keinen Wert hat. „Wir hoffen, dass Deutschland versteht, dass wir die Mittel brauchen, um uns zu verteidigen“, so der Außenminister gegenüber dpa. Nur einen Tag vorher tötete seine Regierung 35 unschuldige Zivilisten.

Die Ereignisse von Freitag und Samstag stehen symptomatisch für den sinnlosen Krieg im Jemen: Die Houthi-Rebellen wehren sich gegen das Damoklesschwert aus Luftschlägen der Saudi-Emirate-Koalition, das permanent über der jemenitischen Bevölkerung schwebt, und holen in Selbstverteidigung einen Kampfjet vom Himmel. Die Koalition rächt sich und begeht ein Massaker an Zivilisten, und die westliche Staatengemeinschaft, die Wertegemeinschaft, gibt ihnen das Werkzeug dazu in die Hand.


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Article pic by Julien Harneis, Flickr, licensed under CC BY-SA 2.0, edited by Jakob Reimann, JusticeNow!.

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