Die Einwohnerinnen und Einwohner von Bougainville, einer Provinz von Papua-Neuguinea (PNG), haben bei einem lange herbeigesehnten Referendum mit einer beeindruckenden Mehrheit von 98,31% für ihre Unabhängigkeit gestimmt.

Vor der Wahl wurden 75-80% der Stimmen für die Unabhängigkeit vorhergesagt.

Der Volksentscheid ist das Ergebnis des Sezessionskriegs von Bougainville, welcher zwischen 1988 und 1998 stattfand. Damals wurde sich nur auf Frieden geeinigt, da beide Seiten – Bougainville und PNG – erschöpft waren.

Die Revolutionäre Armee von Bourgainville (BRA), angeführt von Francis Ona vom Verband der Grundbesitzer, kämpfte gegen PNGs militarisierte Aufstands-Polizei und legte die Verteidigungskräfte mit selbstgebauten Waffen und instandgesetzten amerikanischen und japanischen Waffen aus dem 2. Weltkrieg lahm. Diese Waffen liegen bis heute verstreut in den Landschaften Bougainvilles.

Australien, PNGs Waffen-Lieferant, vermutete, dass eine Fortsetzung des Kriegs die Instabilität PNGs nur weiter anfeuern würde.

Im März 1997, PNGs Verteidigungskräfte wurden bereits gemeutert, wurde bekannt, dass die Regierung PNGs Söldnerinnen und Söldner aus Übersee bezahlt hatte, um in Bougainville zu kämpfen. Daraufhin traten normale Bürgerinnen und Bürger in die BRA ein, um gegen die Regierung zu protestierten.

Australien versuchte weiterhin, Bougainville davon abzuhalten, die Unabhängigkeit zu erreichen, indem es den Krieg der PNG-Regierung schürte und finanzierte.

Sozialistinnen, Sozialisten und solidarische Aktivist*innen setzten sich in Australien währenddessen für Bougainvilles Recht auf Abspaltung ein.

Der Friedensbeschluss bedeutete, dass die Panguna Gold- und Kupfer-Mine – das Zentrum der Rebellion auf Bougainville – geschlossen blieb. Die Wiedereröffnung unter dem australischen Besitzer Rio Tinto stand außer Diskussion, da dieser viele Anwohner durch seine sehr geringen Abgaben an Grundbesitzer verärgert hatte.

Heute, mit der Rede der Unabhängigkeit, stehen australische Bergbau-Unternehmen wieder Schlange, um die Panguna-Mine wieder zu eröffnen, deren geschätzter Wert bei 85 Milliarden US-Dollar liegt.

Die Bergbauunternehmen reden von einer Möglichkeit, die Unabhängigkeit Bougainvilles zu finanzieren, während ein Großteil der Einnahmen an sie gehen würde und nicht an die Bevölkerung.

Während die Wahl 2019 für die Regierung PNGs nicht bindend ist, ist ihr Halt in der Kupfer-reichen Provinz nicht mehr verteidigungsfähig. Die Zukunft sieht nicht gut aus, sollte die PNG-Regierung die Ergebnisse der Wahl ignorieren oder die Unabhängigkeit weiter hinauszögern.

PNGs Minister für alle Bougainville betreffenden Angelegenheiten, Puka Tamu, sagte: „Das Resultat ist glaubhaft.“ Er bat die Bewohner Bougainvilles, „dem Rest von Papua-Neuguinea genügend Zeit zu geben, dass Ergebnis zu verkraften“.

Das Büro des Ministerpräsidenten James Marape sagte zunächst, er sei „nicht in der Stadt und steht für ein Kommentar nicht zur Verfügung“. Das ist jedoch schwer zu glauben am Tag einer solch bedeutenden Wahl.

Marape erkannte das Ergebnis des Referendums später an, sagte aber, dass er seine Regierung nur einsetzen würde, um „einen Leitfaden, welcher zu einem lang anhaltenden Friedensvertrag führt“ zu entwickeln.

Medienberichten zufolge sind nicht näher benannte PNG-Funktionäre „besorgt“, dass Bougainvilles Unabhängigkeit einen Präzedenzfall für die Abspaltung von weiteren Provinzen wie East New Britain Province, New Ireland und Enga schaffen könnte.

Und das sollten sie auch sein. PNG ist ein Nationen-Staat, welcher von imperialistischen Kräften zusammengeworfen wurde. 1883 ergriff die damalige Kolonie von Queensland die Macht in Papua. Australien regierte Papua ab 1906 dann offiziell als Kolonie und gesamt PNG ab 1914, als der nördliche Teil der Hauptinsel PNGs und die oben genannten Provinzen, sowie Bougainville von Deutschland den Kolonien hinzugefügt wurden. Australiens Herrschaft dauerte bis 1975 an.

Bougainville wurde 1899 durch einen in Den Haag ausgehandelten Vertrag zwischen den Briten und Deutschen von den Salomonen, zu deren Bewohnerinnen und Bewohner die Menschen aus Bougainville starke ethnische Verbindungen haben, getrennt.

Typischerweise erklärten australische Mainstream-Experten wie das Lowy Institut, dass Bougainvilles Selbständigkeit „bestenfalls Jahre entfernt“ sein würde.

Diese „Verzögerungs-Argumente“ spiegeln die geopolitischen Bedenken der australischen Regierung wieder, die nichts mit den Wünschen der Bewohnerinnen und Bewohner Bougainvilles zu tun haben.

Die Morrinson-Regierung befürchtet, dass Bougainvilles Referendum als Inspiration für die west-papuanische Unabhängigkeitsbewegung in Indonesien und für das Kanaky-Volk in Neukaledonien dienen wird, die in einem weiterem Referendum über die Unabhängigkeit von Frankreich im September 2020 abstimmen werden.

Was der australischen Regierung Kopfschmerzen bereitet, ist, dass eine Gruppe kleiner Nationen existieren würde, welche sich an China wenden könnten um ihre Unabhängigkeit zu finanzieren.

Der Ausschluss jeder anderen Großmacht im Südwestpazifik ist seit über 140 Jahren das Ziel der australischen Machthaber. China ist heir nur die jüngste wahrgenommene Bedrohung.

Doch der Wunsch nach Unabhängigkeit der Bewohnerinnen und Bewohner Bougainvilles muss wichtiger sein als alle imperialistischen Interessen.

Wie der verstorbene Francis Ona während des Krieges sagte: „Wir wurden in den letzten 100 Jahren von vier Kolonialherren regiert: zuerst die Deutschen, dann die Australier, dann die Japaner, dann die Australier, dann PNG. Wir glauben, dass es an der Zeit ist, dass wir uns jetzt selbst regieren.“


Dieser Text von Tom Orsag erschien zuerst auf Solidarity und wurde von Pilz für Die Freiheitsliebe ins Deutsche übersetzt. JusticeNow! bedankt sich bei allen Beteiligten für ihre großartige Arbeit – connect critical journalism worldwide!


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