Anmerkung: Der Terroranschlag von Halle vom Mittwoch sorgte für ein enormes Echo auch in der internationalen Presse. Richard Silverstein, von dem der folgende Artikel stammt, ist ein prominenter US-amerikanischer Journalist mit jüdisch-israelischen Roots, der sich neben seinen kritischen Arbeiten zur israelischen Regierung immer wieder für die Bekämpfung jeder Form von Rassismus starkmacht. Richard bat Jakob Reimann von JusticeNow!, seinen Kommentar zu Halle zu übersetzen. Beide kennen sich über die Website Middle East Eye, auf der Richard regelmäßig schreibt und Jakob einen Text zum Jemenkrieg veröffentlichte.

Dieser Text wird hier abgedruckt, um auch von außen eine Perspektive auf die Tragödie von Halle zu bekommen.


Am heutigen Jom Kippur versuchte der deutsche Antisemit, Holocaustleugner und Neonazi Stephan Balliet, Juden zu töten, die am heiligsten Tag des jüdischen Jahres in ihrer Synagoge in Halle beten wollten. Sein selbsterklärtes Ziel: „So viele nicht-Weiße wie möglich zu töten, Juden bevorzugt“.

Obwohl keine Polizeikräfte für ihre Sicherheit abgestellt wurden, konnte der Terrorist die verriegelte Synagoge in Halle nicht betreten. Im Anschluss ermordete er eine Frau, die ihn vor dem Gotteshaus auf den ganzen Lärm ansprach. Er wandte sich frustriert von seinem eigentlichen Ziel ab, fuhr zu einem nahegelegenen Kebab-Imbiss und tötete dort einen Mann, von dem er annahm, dass er ein arabischer Migrant sei.

Eine Ironie, die wir nicht übersehen sollten: Balliet nahm bei diesem Angriff sowohl Juden als auch muslimische Einwanderer ins Visier. Mit anderen Worten: Es geht uns alle an, und wir müssen es gemeinsam durchstehen. Es ist der Kampf gegen den Hass von Neonazis (zu denen ich auch islamistische Terroristen zähle), die uns alle ins Visier nehmen.

Der Mörder filmte seinen Angriff und lud das Material live auf Twitch hoch, einem Videodienst von Amazon. Obwohl sein Video rasch entfernt wurde, wurde es über 15.000 Mal auf Twitter geteilt.

Ich möchte an dieser Stelle einen Zusammenhang beleuchten, der den meisten wohl nicht zu allererst in den Sinn kommt. Die deutschen Gesetzgeber wurden von pro-israelischen Kräften unter Druck gesetzt, die BDS-Bewegung zu dämonisieren [„Boycott, Divestment, Sanctions“, eine weltweite Bewegung, die, inspiriert von der Boykott-Bewegung gegen Apartheid-Südafrika mit friedlichen Mitteln das Ende der Besatzung Palästinas und der Apartheid herbeiführen will, Anm. J.R.]. Eine im Bundestag verabschiedete Resolution erklärte die gewaltfreie Bewegung, sei antisemitisch. Einem palästinensischen Künstler wurde die Verleihung des Aachener Kunstpreises aberkannt – für sein „Verbrechen“, sich nicht von BDS distanzieren zu wollen. Aktivisten, darunter Israelis, wurden in Berlin verhaftet, weil sie gegen die Unterdrückung legitimer politischer Äußerungen protestiert hatten. Man sollte denken, ein Land, das einem faschistischen Regime zwölf Jahre lang erlaubte, über es zu herrschen, und das über sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet hat, würde den kritischen Wert eines freien politischen Diskurses verstehen – und den Unterschied zwischen Kritik an Israel und echtem Antisemitismus.

Im Dienste des israelischen Staates verhöhnt die Anti-BDS-Kampagne das Konzept des Antisemitismus. Es ist ein künstliches, betrügerisches politisches Projekt.

Dieser Tweet vom Israel Advocacy Movement ist ein weiteres Beispiel dafür, wie der Kampf gegen Neonazi-Hass auf perfide Art und Weise an die Gefolgschaft zum israelischen Staat geknüpft wird:

Übersetzung des Tweets:
„Wenn ihr euch mit Juden solidarisiert, wenn Nazis uns in Europa und Amerika ermorden.
Und dann aber solidarisch mit unseren Mördern seid, wenn Juden von Terroristen in Israel ermordet werden.
Dann seid ihr keine Freunde des jüdischen Volkes und wir weisen eure eigennützige Solidarität zurück.“

Sowohl in Deutschland als auch in den USA verschließen die Strafverfolgungsbehörden genau wie die politischen Führer ihre Augen vor einer weitaus verheerenderen Form des Antisemitismus: dem Aufstieg der neonazistischen AfD und den gestörtesten unter ihren Anhängern, die bereit sind, Waffen in die eigenen Hände zu nehmen, um das Reich von jüdischem Blut zu befreien – als Hommage an ihren ideologischen Schöpfer Adolf Hitler.

Eines der Opfer der Synagoge in Halle erklärte, die jüdische Gemeinde habe wiederholt um polizeiliche Sicherheit gebeten. Ihre Anträge wurden abgelehnt. Man könnte meinen, dass die Polizei am höchsten jüdischen Feiertag verstehen würde, dass jüdische Einrichtungen zum Ziel werden könnten. Der Überlebende bemerkte, dass die Polizei nach dem Anruf zehn Minuten brauchte, um vor Ort zu sein.

Seltsamerweise hat sich Bibi Netanyahu beim Terroranschlag auf deutsche Juden maximal zurückgehalten – gewiss nicht annähernd ein solches Geschrei wie nach islamistischen Terroranschlägen auf französische Juden. Als diese geschahen, raste er sofort nach Frankreich und sagte den französischen Juden, es gäbe dort keine Zukunft mehr für sie und sie sollten ihre Alija machen [das Recht jeder Jüdin und jedes Juden auf der Welt, nach Israel zu emigrieren, Anm. J.R.], wenn sie einen sicheren Hafen finden wollten. Der Trick wurde von der französischen Regierung und von Kommunalpolitikern aufs Schärfste verurteilt. Nach ein paar Monaten kehrte die Alija aus Frankreich auf ihr früheres Niveau zurück.

Warum hören wir also keinen Mucks von Bibi, wenn ein Neonazi Juden töten will? Wenn aber Muslime Juden töten, geht er in den vollen Antisemitismus-Modus und wird zum selbsternannten Lordprotektor des Weltjudentums? Ich könnte wetten, das hat etwas damit zu tun, dass die rechtsextremen islamfeindlichen Parteien in Europa (diejenigen mit einer gewissen Affinität zu solchen Angriffen) natürliche Verbündete des Likud [Netanyahus Partei, Anm. J.R.] sind, während die europäische Linke in der Regel Israel gegenüber äußerst kritisch eingestellt und bestrebt ist, jüdische Gemeinden in ihrer Mitte vor allen Angriffen zu schützen – egal, ob von Rechtsradikalen oder von Islamisten.

Einige mögen argumentieren, dass islamistischer Terror eine größere Bedrohung darstellt als rechtsextreme Gewalt. Das mag in Frankreich oder Belgien der Fall sein. Doch gab es nunmal keine Terroranschläge von Islamisten explizit gegen Juden. In den letzten Jahrzehnten gab es hingegen Dutzende von Terroranschlägen von Rechtsextremisten, von denen einige explizit gegen Juden gerichtet waren. Und bekanntlich gab es in den USA viele weitere Angriffe von White Supremacists auf Juden – darunter zuletzt auf die Synagoge Poway Chabad im April 2019 und die Synagoge Tree of Life in Pittsburgh im Oktober 2018.

Diese giftige Brühe, aus der der Pestgeruch der Neonazis hervorsteigt, wird von rechtsextremen Parteien wie der AfD und von rassistischen Politikern wie Donald Trump befeuert. Doch niemand zieht sie als geistige Brandstifter für diese Gewalt zur Rechenschaft. Gruppen wie die ADL [Anti-Defamation League, eine US-amerikanische Organisation, die sich gegen Antisemitismus einsetzt, Anm. J.R.], die sich den Kampf gegen Antisemitismus auf die Fahnen geschrieben haben, schrecken davor zurück, mächtigen Personen und Parteien eine Verantwortung an Nazigewalt zuzuschreiben.


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V i e l e n   D a n k !

Dieser Artikel von Richard Silverstein erschien zuerst auf seinem Blog Tikun Olam und wurde auf Richards Anfrage von Jakob Reimann für JusticeNow! übersetzt.

Richard Silverstein ist ein US-amerikanischer Investigativjournalist mit jüdisch-israelischen Roots. Auf seinem berühmtberüchtigten Blog Tikun Olam befasst sich Richard seit 2003 mit der Aufdeckung von Skandalen rund um den israelischen Sicherheitsapparat. Seine Arbeit erschien in Haaretz, Forward, Al Jazeera, The Huffington Post, The Guardian, Seattle Times, Middle East Eye oder The New Arab, sowie in diversen Essay-Sammlungen.

JusticeNow! sends the best wishes to the States to Richard Silverstein – connect critical journalism worldwide!

Article pic by Allexkoch, Wikimedia Commons, licensed under CC BY-SA 4.0, edited by Jakob Reimann, JusticeNow!.

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