In einem Beitrag zur israelischen Parlamentswahl bezeichnete die Tagesschau die rechtsextreme Regierungspartei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als „konservativ“. Aufgrund dieser schwerwiegenden Fehldarstellung reichten JusticeNow! und Die Freiheitsliebe offiziell Beschwerde beim ARD-Programmbeirat ein.

UPDATE: Antwort des Publikumsservice ARD-aktuell, hier

Am heutigen 9. April wird in Israel das neue Parlament gewählt. Mit einem Sieg würde Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Juli Staatsgründer David Ben-Gurion als längsten amtierenden Staatschef ablösen. Doch Netanjahu ist schwer angeschlagen. Er ist in vier Fälle von Korruption und Bestechung verwickelt. Erst Ende Februar verkündete der israelische Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit in einem historischen Schritt, er werde Netanjahu anklagen (JusticeNow! berichtete). Der Ausgang der heutigen Wahlen ist so offen wie seit Jahren nicht.

Auch die Tagesschau berichtete gestern über diese Wahl. Im Beitrag: „Wahlkampf in Israel: Kopf-an-Kopf-Rennen vor der Parlamentswahl“ bezeichnete Sprecherin Judith Rakers Netanjahus rechtsextreme Regierungspartei neutral als „konservativ“.

Angesichts der Natur dieser Partei ist dies eine schwerwiegende Irreführung und Täuschung der Zuschauerschaft der Tagesschau. Aus diesem Grund reichte JusticeNow! zusammen mit der Partnerseite Die Freiheitsliebe offiziell Beschwerde beim ARD-Programmbeirat ein und bat um Richtigstellung dieser Falschmeldung.

Aus Transparenz- und Dokumentationsgründen wird die Mail im Folgenden in voller Länge wiedergegeben.

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Mail vom 9.4.2019, 12.35 Uhr

Betr.: Beschwerde Tagesschau vom 8.4.2019

Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ARD-Programmbeirats und der Zuschauerredaktion,

die beiden Newsportale JusticeNow! und Die Freiheitsliebe reichen hiermit bezüglich der Tagesschau-Sendung vom 8.4.2019 offiziell Beschwerde ein. Im Beitrag „Wahlkampf in Israel: Kopf-an-Kopf-Rennen vor der Parlamentswahl“ wird die amtierende Regierungspartei von Ministerpräsident Netanjahu als „konservativ“ eingeordnet. Nach jedem anwendbaren links-rechts-Spektrum muss der Likud jedoch zweifelsfrei als rechtsextrem/rechtsradikal eingestuft werden und ist nach europäischem Maßstab rund um Parteien wie NPD, Front National, Partij voor de Vrijheid oder Fidesz, beziehungsweise weiter rechts von diesen anzusiedeln.

Israelische Minister_innen machten wiederholt mit rechtsextremen Ansichten Schlagzeilen. So erklärte Bildungsminister Naftali Bennet, „Ich habe in meinem Leben schon jede Menge Araber getötet, da ist absolut kein Problem dabei.“, Justizministerin Ayelet Shaked schrieb auf der Höhe des Gaza-Kriegs 2014 einen Aufruf, der allgemein als Forderung zum Genozid in Gaza interpretiert wurde und der ehemalige Außenminister Avigdor Lieberman verkündete öffentlich, er wolle illoyalen Arabern „mit einer Axt den Schädel abschlagen“. Ministerpräsident Netanjahu selbst relativierte den Holocaust, in dem er die Planung der „Endlösung“ der Verantwortlichkeit des Hitler-Regimes enthob und hingegen dem damaligen Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, zuschrieb.

Jüngst ging der Likud mit der Otzma Jehudit ein Wahlbündnis ein, die von Experten als israelisches Äquivalent zum Ku Klux Klan gehandelt wird und ein Abkömmling der von Israel und den USA als terroristische Vereinigung eingestuften Kahane-Partei ist. Im historischen Maßstab kommt hinzu, dass der Likud für die Einrichtung eines politischen Systems verantwortlich ist, das der damalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel zutreffend als „Apartheid“ bezeichnete.

Es ist eine grobe Verharmlosung vonseiten der Tagesschau-Redaktion, den Likud als „konservativ“ zu bezeichnen und stellt damit eine Verletzung von Ziffer 1 (Wahrhaftigkeit) und Ziffer 2 (Sorgfalt) der Publizistischen Grundsätze (Deutscher Pressekodex) dar. Insbesondere im Kontext der am Folgetag der Ausstrahlung stattfindenden Parlamentswahlen in Israel ist die irreführende Einordnung eine schwerwiegende Täuschung der Zuschauerinnen und Zuschauer der Tagesschau.

Wir fordern daher nach Ziffer 3 des Pressekodex eine entsprechende Richtigstellung des Tagesschau-Beitrags.

Mit freundlichen Grüßen
Jakob Reimann, stellv. JusticeNow! und Die Freiheitsliebe

PS: Aus Gründen der Transparenz wollen wir Sie darüber informieren, dass diese Mail auf unseren beiden Websites veröffentlicht wird.


Antwort des Publikumsservice ARD-aktuell:

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Reimann,

vielen Dank für Ihre Nachricht. Sie kritisieren darin, dass wir in der Tagesschau-Sendung vom 8. April 2019 die Likud-Partei als „konservativ“ eingeordnet haben. Gerne nehmen wir dazu Stellung und erläutern Ihnen die Hintergründe.

Mit der Einordnung der Likud-Partei als konservativ liegen wir in etwa auf einer Linie mit anderen angesehen Quellen, etwa des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags oder der Bundeszentrale für politische Bildung. Gleich zu Beginn unseres Filmbeitrags in der Sendung präzisiert unsere Korrespondentin die Zuschreibung als „national-konservativ“. Dass Netanyahu ein „rechtes“ Bündnis schmieden will, ist im O-Ton zu hören.

Viele der radikalen Äußerungen, die Sie anführen, sind nicht von Mitgliedern des Likud, sondern von dessen Regierungspartnern getätigt worden. Wir wollen eine Zusammenarbeit mit radikalen Kräften nicht verharmlosen, und natürlich gibt es extreme Strömungen innerhalb des Likud. Dennoch halten wir es nicht für angemessen, die Partei als Ganzes als rechtsextrem zu bezeichnen.

Zum Thema Nahost erhalten wir immer wieder Zuschriften, in denen uns unterstellt wird, nicht objektiv über die Lage in der Region zu berichten. Einige Zuschauer werfen uns vor, offen oder verdeckt der einen Seite zugetan zu sein, andere sehen uns als verlängerten Arm der Gegenseite. Diese Vorwürfe halten sich in etwa die Waage. Für uns ist das ein Indiz, dass es uns insgesamt sehr gut gelingt, politisch ausgewogen zu berichten.

Wir würden uns freuen, wenn Sie unsere Arbeit weiterhin als kritische Zuschauer und User begleiten.

Mit freundlichen Grüßen
Publikumsservice ARD-aktuell


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V i e l e n  D a n k !

Titelbild: Screengrab Tagesschau Beitrag: „Wahlkampf in Israel: Kopf-an-Kopf-Rennen vor der Parlamentswahl“, 8.4.2019.

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