Die libanesische Hisbollah-Bewegung gilt als geheimer Gewinner des Syrienkriegs. Neben dem Überleben ihres Verbündeten Assad stärkte ihre Beteiligung vor allem die Gruppe selbst: Erhöhte militärische Erfahrung, verbesserte militärische Ausrüstung und Personal, sowie erweiterten regionalen Einfluss.

Portrait von Hisbollahs Generalsekretär Hassan Nasrallah. By Abbas Goudarzi, Wikimedia Commons, licensed under CC BY 4.0.

Im Nachhinein ist es offensichtlich, warum die Hisbollah in den Syrienkrieg eintrat. Der potenzielle Sturz Präsident Bashar al-Assads war der Gruppe eine existenzielle Bedrohung, die ihre Versorgungslinien mit dem Iran gekappt hätte. Und obwohl Hisbollahs Generalsekretär Hassan Nasrallah anfangs zögerte, wurden ab 2012 Kämpfer nach Syrien entsandt.

Heute ist klar, dass die Beteiligung der Hisbollah eine von mehreren Schlüsselinterventionen war, die zur Rettung Assads beigetragen haben. Doch was bedeutete es für die libanesische Hisbollah-Bewegung selbst? Ist die „Partei Gottes“ nach sechs Jahren Krieg stärker oder hat sie mit der Situation zu kämpfen?

Neben Assads Überleben zog die Hisbollah mehrere Nutzen aus ihrer Kriegsbeteiligung in Syrien. Drei stechen hierbei hervor: erhöhte militärische Erfahrung, verbesserte militärische Ausrüstung und Personal, sowie erweiterten regionalen Einfluss.

Urbane Kriegsführung

In Hinsicht auf die militärische Erfahrung war der Konflikt vollkommen anders geartet als die Kriege, die die Hisbollah seit den 1980er Jahren mit Israel führte, wodurch sie sich gezwungen sah, sich anzupassen und neue Skills zu erlernen. Sie verfügt nun über Erfahrungen in urbaner Kriegsführung, im Kampf auf feindlichem Territorium, Kampfhandlungen in Kollaboration mit Luftunterstützung sowie in der Zusammenarbeit mit anderen Gruppen, darunter große staatliche Militärs wie Russland und nicht-arabisch sprechende Partner wie schiitische Milizen aus Afghanistan und Pakistan.

In Hinsicht auf militärisches Equipment nutzte der Iran den Krieg, um die Lager der Hisbollah massiv aufzustocken. Dazu gehören Lenkflugkörper, unbemannte bewaffnete Drohnen, ballistische Kurzstreckenraketen und Panzerabwehrraketen. In Zahlen ausgedrückt verfügt die Hisbollah jetzt über rund 130.000 Raketen, verglichen mit 15.000 am Vorabend des Israel-Hisbollah-Krieges von 2006.

Hisbollahs Generalsekretär Hassan Nasrallah (l.) mit einer Delegation zu Besuch beim iranischen Revolutionsführer Ali Chamene’i (r.), 2005. By Khamenei.ir, Wikimedia Commons, licensed under CC BY 4.0.

Um in Syrien kämpfen zu können, musste die Hisbollah ihre Rekrutierung massiv hochfahren. Sie hat dafür ihren Rekrutierungspool erweitert, indem zuvor strikte ideologische und altersbedingte Anforderungen gelockert wurden. Dies hat ihr eine permanente „Armee“ von 20.000 Kämpfern sowie zehntausende angegliederte libanesische Reservisten und verbündete syrische Proxy-Milizen verschafft.

Der regionale Einfluss der Hisbollah wurde ebenfalls gestärkt – so ist die Gruppe jetzt im Irak, im Jemen sowie in Syrien vertreten. Seit 2014 wurden bis zu 500 Hisbollah-Spezialisten in den Irak geschickt, um die al-Haschd asch-Schaʿbī [„Volksmobilmachungskräfte“, von Bagdad unterstützte Dachorganisation von 40 Milizen, Anm. J.R.] gegen den Islamischen Staat und andere Gruppen auszubilden, während Generalsekretär Nasrallah regelmäßig eine Mittlerrolle zwischen den schiitischen Fraktionen im Irak einnimmt.

Eine unbekannte Anzahl von Hisbollah-Funktionären wurde in den Jemen geschickt, um Houthi-Kämpfer auszubilden. Auch hat die Hisbollah jetzt direkte Beziehungen zu Russland, sowohl auf operativer als auch auf politischer Ebene. Das Ergebnis ist eine transformierte Hisbollah: Sie kam als lokale libanesische Bewegung nach Syrien, und ist jetzt zu einem bedeutenden bewaffneten regionalen Akteur angewachsen.

Konsequenzen zu Hause

Es gab jedoch schmerzliche Kosten. Die Zahl der Todesfälle war hoch. Analysten glauben, die Hisbollah habe in Syrien zwischen 1.000 und 2.000 Kämpfer verloren – bis zu 10 Prozent ihrer Kämpfer, darunter hochrangige Kommandeure und Veteranen der Israel-Kriege 1990 und 2006.

In der libanesischen Basis der Hisbollah rumorte es wegen der hohen Opferzahlen und des Versuchs, mehr Rekruten aus der östlichen Bekaa-Hermel-Region anstatt aus den traditionelleren Hochburgen im Süden des Landes und im südlichen Beirut anzuwerben, um diese Opfer teilweise auszugleichen.

Es gab noch weitere Konsequenzen zu Hause: In den Jahren 2013/14 griffen mit der Anti-Assad-Opposition sympathisierende Dschihadisten die Hisbollah und hauptsächlich von Schiiten besiedelte Gebiete im Libanon an. Dies wurde letztendlich durch militärische Kampagnen und innenpolitische Maßnahmen überwunden. Tatsächlich verfügt die Hisbollah im Libanon heute über eine ausgeprägte Stärke.

Ihre Verbündeten sind in der Regierung, darunter auch Präsident Michel Aoun, während sein langfristiger Rivale, die Allianz vom 14. März [ein pro-westliches Parteienbündnis, Anm. J.R.], gespalten und ihr Anführer, Saad Hariri, schwach und nachsichtig ist.

Andere Folgen des Syrienkrieges für die Hisbollah bleiben jedoch ungelöst. Der Krieg war teuer. In Kombination mit neuen Sanktionen gegen ihren Verbündeten und wichtigsten Wohltäter Iran hat die Partei Gottes Schwierigkeiten, die gestiegenen Gehälter und Renten zu zahlen, die ihre wachsende Liste an Rekruten und Opfern verlangt. Die Hisbollah musste bereits einige der wesentlichen Dienstleistungen kürzen, die sie für die ärmeren Teile ihrer Basis bereitstellt. Während dies allein die Bevölkerung nicht von der Hisbollah abwenden lässt, können ausbleibende Leistungen durchaus die langfristige Attraktivität der Gruppe beeinträchtigen.

Dringlicher sind hingegen Bedenken, Israel könne einen schwerwiegenden Angriff starten, um gegen die wachsende Macht der Hisbollah vorzugehen. Ein zukünftiger Krieg wäre sowohl für Israel als auch den Libanon weitaus verheerender als der Krieg von 2006 – was bisher beide Seiten erfolgreich abgeschreckt hat. Doch ein versehentlicher, unbeabsichtigter Ausbruch der Gewalt ist immer möglich, insbesondere angesichts der jüngsten Spannungen aufgrund der Hisbollah-Präsenz in den syrischen Golanhöhen.

Russlands Präsenz in Syrien und Moskaus potentielle Vermittlerrolle mögen die Situation gewiss beruhigen – bislang flog Israel Dutzende Luftschläge in Syrien, ohne auf Seiten der Hisbollah oder der Assad-Regierung eine signifikante Eskalation zu provozieren – doch das wacklige Konstrukt im Dreieck Syrien-Libanon-Israel bewegt sich auf einem schmalen Grat.

Putins gutes Verhältnis mit Netanyahu gilt als wichtiges, stabilisierendes Element. So ist Russlands Mediatorrolle maßgeblich daran beteiligt, dass Israels aggressives Verhalten gegen Russlands regionale Partner bislang ohne Konsequenzen blieb. Beide Staatsführer auf einem Treffen in Sochi im August 2017. By Kremlin, licensed under CC BY 4.0.

Die Hisbollah gewinnt an Macht

Am Ende bleibt es unklar, wie die Zukunft der Hisbollah in Syrien aussehen wird. Die Führer der Gruppe erklärten, sie würden sich zurückziehen, sobald eine politische Einigung verhandelt ist. Und in letzter Zeit wurde die Truppenstärke tatsächlich reduziert, jetzt da die Gewalt im Land zurückgeht. Die Hisbollah – womöglich aus Angst, weitere kostbare Kämpfer zu verlieren – hat sich von einer Kampftruppe gewandelt hin zu Ausbildern syrischer Proxies und pro-iranischer Streitkräfte aus Afghanistan und Pakistan.

Gleichwohl scheint die Hisbollah jedoch an wichtigen strategischen Orten in Syrien eine dauerhafte Präsenz aufzubauen, etwa in Kusseir, Qalamun und Sayeda Zeinab. In Anbetracht der Nähe des Libanon zu Syrien kann die Hisbollah außerdem rasch Kampftruppen schicken, sollten Assad oder der Iran diese für zukünftige Angriffe auf Idlib oder die Gebiete östlich des Euphrats benötigen.

Während sich die Hisbollah im Verlauf des Syrienkriegs als treuer und wertvoller Verbündeter erwiesen hat, ist sich deren Führung wahrscheinlich der Tatsache bewusst, dass sie auf unbestimmte Zeit keine schweren Kampfverluste mehr kompensieren kann, und hofft, dass die Zahl im Verlauf des Krieges auf einem Minimum gehalten werden kann.

Alles in allem ist die Hisbollah gestärkt aus dem Syrienkrieg hervorgegangen. Sie ist heute eine weitaus mächtigere, besser ausgebildete Regionalmacht als noch vor dem Krieg. Hinsichtlich der Finanzen und ihrer Rekrutierung sind ihr jedoch weiterhin Grenzen gesetzt. Mit dem Ziel, ihre neue verbesserte Position zu festigen, liegen ihre Hoffnungen nun darauf, dass der Krieg in Syrien bald ein Ende findet und dass ein neuer Konflikt mit Israel vermieden werden kann.

Nach dem Syrien-Krieg ist die Hisbollah wesentlich stärker in die regionalen Machtstrukturen eingebunden. Ein Mann trägt „eine“ Fahne (v.o.n.u.): Syrien, Hisbollah, Iran, Russland, China, Amal Movement, Libanon, erneut Syrien. By Hüseyin Bozan, Twitter.


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V i e l e n  D a n k !

Dieser Artikel von Christopher Phillips erschien zuerst auf Middle East Eye und wurde von Jakob Reimann für JusticeNow! übersetzt.

Christopher Phillips ist Dozent für internationale Beziehungen an der Queen Mary University of London und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Programm Naher Osten und Nordafrika von Chatham House. Christopher ist der Autor von The Battle for Syria: International Rivalry in the New Middle East. Ihr könnt Christopher hier auf Twitter folgen: @cjophillips

JusticeNow! sends the best wishes to Christopher and to the Middle East Eye staff to London and says THANK YOU! to everyone involved for their great job – connect critical journalism worldwide!

Article picture showing a man waiving the Hezbollah flag in 2006. By Harout Arabian, Flickr, licensed under CC BY 2.0 (edited by Jakob Reimann, JusticeNow!).

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